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Gewalt gegen Einsatzkräfte : Rettungskräfte sollen besser geschützt werden

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Wenn Helfer zu Opfern werden: Sanitäter und Feuerwehrleute werden immer wieder angriffen, wenn sie helfen wollen (Symbolbild). Bild: dpa

Sanitäter und Feuerwehrleute werden immer wieder Opfer von Gewalt. Zahlen darüber, wie häufig sie angegriffen werden, gibt es kaum. Das soll sich ändern.

          Als der Sanitäter Markus Jansen mit Blaulicht zu einem Einsatz fuhr, rechnete er nicht damit, gleich um sein Leben fürchten zu müssen. An der Frankfurter Hauptwache stand plötzlich ein Mann auf der Straße. Jansen trat auf die Bremse, der Wagen kam zum Stehen. Der Mann hämmerte auf die Motorhaube. „Es hat tierisch gescheppert.“ Dann verschwand der Mann. Jansen, der eigentlich anders heißt, ging hinterher. Er wollte sich vergewissern, dass sich der Mann nicht verletzt hatte. Er folgte ihm bis zur Toilette der McDonald’s-Filiale an der Hauptwache. Dann eskalierte die Situation. In einer Hand trug der Mann ein Pfefferspray, mit der anderen griff er in seine Jackentasche, so, als verstecke er darin ein Messer. Er rief: „Ich stech’ euch ab.“

          Dass Rettungskräfte bei Einsätzen mit Waffen bedroht werden, passiere zwar selten, sagt ein Sprecher des hessischen Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), für den Jansen als Sanitäter arbeitet. Doch aggressives Verhalten gehöre mittlerweile zum Alltag. Zahlen darüber, wie häufig die Rettungskräfte in ganz Hessen angegriffen werden, gibt es nicht. Jede Organisation führt, wenn überhaupt, ein eigenes Register über die Angriffe. Eine zentrale Stelle, an der die Zahlen gesammelt werden, fehlt. Allein der ASB Hessen zählte im vergangenen Jahr 27 Übergriffe. Im laufenden Jahr sind es bisher 18. Der Sprecher geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Viele der Attackierten meldeten die Angriffe nicht, sagt er. Eine Aussage über das tatsächliche Ausmaß der Gewalt ist folglich nicht möglich.

          „Wo beginnt die Gewalt?“

          Das soll sich ändern. Wie das hessische Innenministerium dieser Zeitung mitteilte, wird derzeit an einem landesweiten Meldesystem für Rettungskräfte gearbeitet. Es soll für Angehörige der Feuerwehren, des Katastrophenschutzes und der Rettungsdienste gelten. Bislang hat das Ministerium lediglich die Angriffe registrieren können, die bei der Polizei auch angezeigt wurden. Das waren 61 Vorfälle im vergangenen Jahr. Übergriffe, die nicht als Straftat polizeilich registriert wurden, gingen hingegen unter. Ebendiese Fälle sollen künftig aufgezeichnet werden. Es gehe darum, so Innenminister Peter Beuth (CDU), mehr über die verschiedenen Formen der Gewalt gegen Rettungskräfte zu erfahren. „Je mehr wir darüber wissen, desto besser können passgenaue Präventionsangebote für Helferinnen und Helfer entwickelt werden.“

          Wie im Detail das neue System funktionieren solle, sei noch nicht endgültig geklärt, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Voraussetzung sei, dass Rettungskräfte die Informationen über Angriffe freiwillig weitergäben. Ein Sprecher der Feuerwehr Frankfurt sagte, für die Rettungskräfte sei die Abwägung, ob ein Vorfall berichtenswert sei, nicht leicht. Das fange schon bei der Frage an: „Wo beginnt die Gewalt?“ Der Sanitäter Jansen vertritt die Ansicht, schon eine Beleidigung könnte man als Übergriff werten. In der Praxis schätze jeder Kollege die Situation individuell ein. Er selbst zieht die Grenze eher weit. Einmal habe ihm ein Jugendlicher ins Gesicht gespuckt. Für Jansen noch kein Übergriff, den er unbedingt melden würde. Als der junge Mann ihm aber dann noch ins Gesicht boxte, sah das schon anders aus.

          Fünf Minuten Verzögerung – in einem Beruf, in dem jede Minute zählt

          Auch an jenem Abend bei McDonald’s sah er sich einem Angriff ausgesetzt. Bei der Drohung des Mannes war es nicht geblieben. Als der Sanitäter und sein Kollege versuchten, den Mann zu entwaffnen, weil auch Gäste des Schnellrestaurants gefährdet waren, bekam Jansen Pfefferspray in den Mund. Er konnte kaum atmen und musste schließlich selbst ins Krankenhaus gebracht werden. Ein anderer Rettungswagen fuhr währenddessen zu dem Patienten, zu dem Jansen ursprünglich auf dem Weg gewesen war. Durch den Vorfall habe sich der Einsatz um etwa fünf Minuten verzögert, so Jansen – und das in einem Beruf, in dem jede Minute zählt.

          Erik Brumm, der Vorsitzende des Personalrats der Frankfurter Feuerwehr, sieht in dem neuen Meldesystem des Ministeriums eine Chance: Aufklärung. Es gehe darum, die Menschen für das Thema Gewalt gegen Rettungskräfte zu sensibilisieren. Zum Beispiel an Schulen. Inzwischen stellt das Strafgesetz Angriffe auf Rettungskräfte denen auf Polizeibeamte gleich. Die Mindeststrafe beträgt drei Monate Gefängnis, Innenminister Beuth fordert, sie auf sechs Monate zu erhöhen.

          Sanitäter Jansen hat den Angriff ohne bleibende Schäden überstanden. Für ihn gehört es zum Beruf, bei Einsätzen vorsichtig vorzugehen. Jansen versucht, auch die Sicht der Angreifer nachzuvollziehen. „Die sind in dem Moment krank“, sagt er. Sie seien oftmals psychisch beeinträchtigt, und viele seien alkohol- oder drogensüchtig, was schließlich auch eine Krankheit sei. Er sagt, er glaube kaum, dass genauere Zahlen konkret etwas an der Situation ändern könnten. Aber ein Meldesystem würde einen Überblick geben. Damit wäre schon ein erster Schritt getan.

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