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Mehrere Medikamente : Der Arzt muss auch mal ein Nein akzeptieren

Risikoaufklärung: Mehrere Medikamente haben ein höheres Potential für Wechsel- und Nebenwirkungen (Symbolbild). Bild: dpa

Wer unter komplexen Krankheiten leidet, braucht in der Regel mehr als nur ein Medikament. Doch das birgt Risiken. Eine Wissenschaftlerin setzt sich für mehr Aufklärung ein.

          Morgens zum Frühstück acht verschiedene Tabletten: Das ist für manche Menschen mit mehreren oder besonders komplexen Krankheiten lästiger Alltag. Und fällt es dem Doktor gelegentlich schon schwer, die Wechselwirkungen von nur zwei Medikamenten richtig einzuschätzen, wird das bei einer noch größeren Zahl von Arzneien zu einer Wissenschaft für sich. Der Patient wiederum brauchte eigentlich eine Fortbildung in Medikationslogistik, um mit Dosierungen und Einnahmezeitpunkten nicht durcheinanderzukommen. Verständlich, wenn er es irgendwann mit den ärztlichen Empfehlungen nicht mehr so genau nimmt und die eine oder andere Pille womöglich weglässt.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Marjan van den Akker setzt sich seit 25 Jahren als Forscherin mit diesem Thema auseinander. Ihre Doktorarbeit hat die niederländische Gesundheitswissenschaftlerin der Multimorbidität gewidmet, also jenen Fällen, in denen Patienten unter zwei oder mehr chronischen Erkrankungen leiden und entsprechend viele Medikamente brauchen. Wie ihre Behandlung verbessert werden kann, untersucht van den Akker jetzt am Frankfurter Uniklinikum: Dort hat sie seit 1. März eine Stiftungsprofessur inne. Finanziert wird sie für sechs Jahre von dem in Waldems-Esch ansässigen Unternehmen Insight Health, das Gesundheitsdaten analysiert. Van den Akker hebt hervor, dass sie keine Auftragsforschung betreibe; Einfluss auf den Inhalt ihrer Arbeit oder ein Vetorecht bei Publikationen habe der Stifter auch nicht.

          Um zu zeigen, wie bedeutend Mehrfacherkrankungen und Multimedikation für das Gesundheitswesen sind, verweist die 49 Jahre alte Wissenschaftlerin auf eine von ihr mitverfasste Studie. Für den Zeitraum von 2000 bis 2015 haben die Autoren Daten von Allgemeinmedizinern aus dem flämischen Teil Belgiens ausgewertet. Demnach waren 2015 fast 23 Prozent der Patienten wegen zwei oder mehr Krankheiten in Behandlung, und 20 Prozent hatten binnen eines Jahres fünf oder mehr verschiedene Arzneimittel verschrieben bekommen.

          Gut gefüllter Arzneischrank

          Wie zu erwarten ist, nimmt der Anteil der Betroffenen mit steigendem Alter zu, doch auch erstaunlich viele junge Leute haben einen gut gefüllten Arzneischrank: Bei den Frauen im Alter bis 24 Jahren betrug die Quote der Multi-Medikamenten-Nutzer schon gut elf Prozent. Die Studie zeigt zudem, dass über die Jahre immer mehr Fälle von Multimorbidität und Vielfachmedikation registriert wurden – auch unter den jüngeren Patienten.

          Van den Akker will nicht nur Mediziner und Pharmazeuten mit interdisziplinären Vorlesungen für dieses Problem sensibilisieren, sondern möchte sich in öffentlichen Foren auch direkt an die Patienten wenden. Diese sollen, gerade wenn sie mehrfach oder kompliziert erkrankt sind, ihre Bedürfnisse klar benennen und damit Gehör finden können. „Der Arzt muss im Gespräch herausfinden, was dem Patienten wichtig ist – etwa ob er möglichst lange leben möchte, keine Schmerzen haben oder beweglich bleiben will“, sagt die Professorin. „Danach sollte sich die Auswahl der Medikamente richten.“ Den Kranken rät van den Akker, es offen zu sagen, wenn sie bestimmte Arzneien nicht nehmen wollten. „Leider trauen sich das vor allem ältere Menschen nicht, weil sie die Autorität des Arztes nicht in Frage stellen wollen.“

          Die Scheu, eine Verordnung direkt in Zweifel zu ziehen, führt dazu, dass manch einer lieber den Nachbarn als den Doktor fragt, ob er den Blutdrucksenker oder den Gerinnungshemmer absetzen soll. Ein solches Verhalten kann schnell gefährlich werden. Andererseits ist auch nicht jede Nachlässigkeit im Umgang mit Medikamenten dramatisch, wie van den Akker weiß. Eine Patientin mit langer Verschreibungsliste hat ihr einmal verraten: „Sonntags nehme ich keine Pille, da habe ich Ruhetag.“ Mit dieser Einstellung ist die Dame bis dahin offensichtlich recht gut durchs Leben gekommen: Sie war damals schon 92 Jahre alt.

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