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Armut in Hessen : Mehr Arme wegen höherer Löhne

Trotz der gestiegenen Werte hat die Armut in Hessen nicht zugenommen. (Symbolbild) Bild: dpa

Die Zahl der Armutsgefährdeten in Hessen soll leicht angestiegen sein. Die Bedeutung des gestiegenen Wertes ist jedoch nicht mit der tatsächlichen Armut gleichzusetzen.

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          In Hessen ist angeblich die Zahl der Armutsgefährdeten leicht gestiegen. 2019 zählte das Statistische Landesamt 16,1 Prozent der Bürger zu dieser Gruppe, 0,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahlen geben den Stand des Vorjahres wieder, also noch vor Ausbruch der Corona-Krise. Allerdings bedeutet dieser Anstieg nicht, dass mehr Menschen in Hessen weniger Geld haben.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Armut wird in der Regel auf zwei Arten ermittelt. Zum einen durch das Existenzminimum, das die Mindestsumme angibt, die für Nahrung, Kleidung, Wohnung und andere Grundbedürfnisse nötig ist. Dieses liegt derzeit bei 9508 Euro im Jahr, das sind 784 Euro im Monat. Zum anderen wird Armut im Verhältnis zu den Standardeinkommen berechnet. Wer höchstens 60 Prozent des mittleren Einkommens bezieht, gilt demnach als armutsgefährdet. Bei dieser relativen Armut wird angenommen, dass sie zu sozialer Ausgrenzung führt.

          Allerdings sind die mittleren Nettoeinkommen der Deutschen in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen – und damit auch der 60-Prozent-Wert, unter dem man als relativ arm gilt. 2009 zum Beispiel lag diese sogenannte Armutsgefährdungsschwelle bei bundesweit 801 Euro netto für einen Einpersonenhaushalt. 2019 lag sie bereits ein Drittel höher, bei 1074 Euro. Nun also fallen auch Bürger unter diese Schwelle, die vor zehn Jahren noch nicht als armutsgefährdet galten – selbst dann, wenn sie mindestens genauso viel oder sogar etwas mehr netto im Monat bekommen als vor zehn Jahren. Von der Inflation wurde das Einkommensplus nur wenig geschmälert, der Kaufkraftverlust betrug von 2009 bis 2019 elf Prozent, während die mittleren Einkommen um 34 Prozent zulegten.

          Dass die Armut nicht zugenommen hat, ist auch am Gini-Koeffizienten abzulesen. Er gibt an, wie ungleich die Nettoeinkommen in einem Land verteilt sind. Bei einem Wert von 100 Prozent bekäme nur eine Person alles und die anderen nichts, bei null Prozent wären alle Einkommen gleich hoch. In Deutschland liegt dieser Gini-Koeffizient laut Statistischem Bundesamt seit 15 Jahren unverändert bei 29 Prozent, in Hessen bei 31 Prozent. Das ist laut den Vereinten Nationen höher als in Dänemark, Norwegen und Schweden (um die 25 Prozent), aber etwa gleichauf mit Frankreich und deutlich niedriger als in Großbritannien (34 Prozent) und den Vereinigten Staaten (39 Prozent).

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