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Medizin : Klasse statt Kasse: Ärzte umwerben Privatpatienten

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Noch bevor sie sich setzen kann, fordert eine Sprechstundenhilfe die Patientin freundlich auf: "Kommen Sie doch bitte mit mir." Das Wartezimmer, in das sie geführt wird, ist komfortabel und schick eingerichtet, mit dunkler Ledercouch und Glastisch.

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          Noch bevor sie sich setzen kann, fordert eine Sprechstundenhilfe die Patientin freundlich auf: "Kommen Sie doch bitte mit mir." Das Wartezimmer, in das sie geführt wird, ist komfortabel und schick eingerichtet, mit dunkler Ledercouch und Glastisch. Mineralwasser und Gläser stehen bereit, daneben Porzellantassen und eine Wärmekanne mit Kaffee.

          In solch angenehmem Ambiente empfangen immer mehr Ärzte ihre Privatpatienten. Manche statten die Wartezimmer für die geschätzte Kundschaft sogar mit Stereoanlage, Video- und Fernsehgerät aus. Denn mit Kassenpatienten allein, daraus macht kaum ein Doktor einen Hehl, kann eine Praxis heute nicht mehr überleben. Allerdings sind nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung privat versichert.

          Ein niedergelassener Orthopäde aus der Region spricht die Dinge offen an: "Privatversicherte muß ich gut pflegen, sonst müßte ich Personal entlassen, darauf verzichten, neue Geräte anzuschaffen, oder sogar die Praxis schließen." Er weist darauf hin, daß statistisch jeder dritte Kassenpatient einer Praxis treu bleibe, aber nur jeder fünfte Privatversicherte. Das zeige, wie schwierig es sei, diese an sich zu binden. Der beliebten Klientel werden daher zunehmend Vorteile verschafft - was aber nicht zu offensichtlich sein darf. Zumindest der Anschein der Gleichbehandlung soll gewahrt bleiben, auch wenn sie nur noch auf dem Papier steht. Die Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, Margita Bert, drückt es so aus: Kassenpatienten hätten ein Recht auf ausreichende und wirtschaftliche Behandlung, Privatversicherte auf bestmögliche Versorgung. Für Leistungen, die für sie erbracht und in Rechnung gestellt würden, erhalte ein Mediziner auch sein Geld. Das sei im System der gesetzlichen Krankenversicherung durch die Budgetierung eben nicht mehr garantiert: Da werde Leistung bestraft. Wie Bert weiß, begrenzen einige Kollegen die Zahl ihrer Kassenpatienten. Denn überschreite ein Mediziner die für seine Fachgruppe kalkulierte Zahl gesetzlich Versicherter und der erbrachten Leistungen, arbeite er quasi zum Nulltarif. "Der Verdruß mit dem System nimmt zu", sagt sie und kritisiert das seit April dieses Jahres gültige Abrechnungssystem, wonach die Ärzte noch schlechter verdienten.

          Privatversicherte wüßten heutzutage auch um ihren Wert und beanspruchten für sich manches Sonderrecht, zum Beispiel kurzfristige Termine und kurze Wartezeiten, sagt Bert. Bei dem genannten Orthopäden müssen Kassenpatienten durchschnittlich eine Stunde in der Praxis sitzen, bis sie zur Behandlung gerufen werden, Privatversicherte manchmal nur fünf Minuten, schlimmstenfalls aber 30 Minuten. Das sehen Kassenpatienten natürlich gar nicht gerne, zumal sie Monat für Monat hohe Beiträge zahlen. Separate Wartezimmer sind da eine elegante Lösung.

          Die bevorzugte Behandlung beginnt freilich nicht erst in der Praxis. Schon bei der Anmeldung oder telefonischen Anfragen sortieren sie die Kundschaft, beispielsweise, indem sie unterschiedliche Rufnummern vergeben. Wollen Privatversicherte ein Rezept oder ein Attest bestellen, kommen sie schneller durch, müssen sich nicht in die lange Schlange der gesetzlich Versicherten einreihen und sich über das ständige Besetztzeichen ärgern. Immer beliebter wird auch das automatische Weiterlotsen: "Hier ist die Praxis Dr.Mustermann, wenn Sie privat versichert sind, drücken Sie jetzt bitte die Eins. Sind Sie Kassenpatient, drücken Sie bitte die Zwei."

          Selbstzahler und gesetzlich Versicherte mit einer privaten Zusatzversicherung für ambulante Leistungen müssen in solchen Momenten schnell reagieren. Denn ohne direkt angesprochen zu werden, gehören sie dennoch zu der umworbenen Klientel und werden behandelt wie Privatversicherte. Aus der Zwei-Klassen-Medizin ist eine Drei-Klassen-Medizin geworden.

          Zirka elf Euro erhalte er für einen gesetzlich Versicherten im Quartal, so der Orthopäde. "Da habe ich doch keinerlei Motivation, diesen Patienten öfter als einmal in dieser Zeitspanne zu sehen." Bei Privatpatienten hingegen werde jede einzelne Leistung vergütet. Daß dies zu einer unnötig hohen Zahl von Untersuchungen und Behandlungen führe, verneint der Arzt mit Nachdruck. Er habe es nicht nötig, aus monetären Erwägungen Überflüssiges zu veranlassen. Allerdings ist dieser Facharzt auch in der glücklichen Lage, von sich sagen zu können: "Ich habe genug Privatpatienten und auch solche, die bestimmte Therapien aus der eigenen Tasche bezahlen." BRIGITTE ROTH

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