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Meditation & Arbeitswelt : Die Entdeckung der Achtsamkeit

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“Der Arbeitsalltag wird zunehmend fragmentiert“, sagt Tamdjidi und verweist auf das „Multitasking“, das der Konzentration und Kreativität schade. Achtsamkeitsübungen wollen den Menschen für den jeweils gegenwärtigen Moment öffnen, seine Aufmerksamkeit schulen und die Wahrnehmung für sich und seine Umgebung schärfen. Bei Übungen im Sitzen konzentriert sich der Meditierende auf den Atem, wobei leises Zählen helfen kann, und lässt Gedanken kommen und gehen, ohne sie zu bewerten. Bei Gehmeditationen wird auch die Bewegung achtsam verfolgt.

Für Ott stehen derzeit vier Komponenten meditativer Achtsamkeit im Fokus der Forschung: „die Regulation der Aufmerksamkeit, das Gewahrsein des Körpers, die Emotionsregulation und eine veränderte Selbstwahrnehmung“. Davon profitiere der Organismus, etwa indem das Stressniveau sinke oder körperliche Warnsignale besser wahrgenommen würden.

Dass sich Meditation auch auf das Gehirn selbst auswirkt, ist unumstritten. Ott und Singer verweisen auf Erkenntnisse, nach denen sich die Hirnstruktur durch Meditation ändere - wie bei anderen Lernvorgängen auch. „Das Besondere ist wohl, dass neuronale Korrelate subjektiv erfahrener Wirkungen der Meditation objektiv nachweisbar sind“, so Ott. „Das Hirn Meditierender ist hochwach“, sagt Singer. Er beschreibt die Wirkung als „Gefühl großer Ruhe“. Als Vergleich zieht er jene Stimmung heran, die entsteht, wenn man für ein Problem eine Lösung gefunden hat und „Heureka“ rufen kann. Vermutlich brächten es Meditierende fertig, sich in einen solchen „Lösungszustand“ zu versetzen, in dem „alles zu allem“ passe. „Das ist ein wirklich gutes Gefühl.“

Zur Wirkung, die Achtsamkeitsübungen für die Unternehmenskultur haben, zählt Tamdjidi auch die „Wertschätzung von anderen und deren Potentiale und mehr Einfühlungsvermögen bei Führungskräften“. Ob man mittels Meditation auch Empathie trainieren kann, da ist Singer nicht so sicher. „Das ist bisher nicht bewiesen.“ Seine Tochter Tania, Hirnforscherin in Leipzig, hat sich darangemacht, dies in einer ein Jahr dauernden Langzeitstudie zu ergründen.

Mehr Mitgefühl durch Meditation

Für Niko Kohls ist es keine Frage, dass Achtsamkeit Mitgefühl steigern kann. „Es geht ja aus Sicht der klinischen Forschung nicht darum, für Empathie verantwortliche Zentren im Hirn ausfindig zu machen. Unter Empathiefähigkeit verstehe ich eine höhere mentale Funktion, durch die es möglich wird, bei einem selbst und anderen Personen Bewusstseinszustände wahrzunehmen und zu interpretieren.“

Meditierende berichteten, dass sie mehr Mitgefühl zeigten als in der Zeit, da sie noch nicht meditiert hätten, fügt er hinzu. „Das ist ein Hinweis darauf, dass sich mit Hilfe von Achtsamkeitsübungen die Selbst- und Fremdwahrnehmung einschließlich der Emotionsregulation verändern lässt.“

Wolf Singer wartet mit Blick auf die Studie seiner Tochter lieber noch etwas ab: „Wenn es stimmt, dass Meditation Empathie steigert, hat das zum Beispiel Folgen für unsere Kindererziehung, wenn nicht, haben alle Coaches, die das behaupten, ein Problem.“

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