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Medikamentenhersteller : Cannabis aus der Orangenschale

  • -Aktualisiert am

Naturmedizin aus dem Kolben: Holger Rönitz im Labor von THC Pharm. Bild: dpa

Die Firma „THC Pharm“ in Oberrad stellt Medikamente für Schwerstkranke aus Cannabis her und das seit fast 20 Jahren. Der Manager Rönitz sieht die Debatte darum öfters ins Irrationale kippen. Er hat klare Erwartungen an die Politik.

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          Die Witze der Ärzte auf den Kongressen kann Holger Rönitz schon lange nicht mehr hören. Ob er denn auch Muster zur Mitnahme dabeihabe, fragen manche Mediziner den Manager von THC Pharm und können sich das Lachen nicht verkneifen. Nein, lautet die Antwort, und das Schenkelklopfen ist verzichtbar. Rönitz könnte sicherlich mehr lachen, wenn es ihm um Rausch und Hippie-Kultur ginge. Aber das „Pharm“ im Namen der Firma mit Sitz in Oberrad ist wichtiger als das „THC“.

          Rönitz und seine 15 Kollegen produzieren seit fast 20 Jahren Wirkstoffe für Schwerstkranke, die in der Hanfpflanze vorkommen. Die Liste der Beschwerden, gegen die diese Cannabinoide helfen können, ist lang. Formen der multiple Sklerose gehören dazu, genau wie Epilepsie Asthma und Tourette. Der Wirkstoff kann entspannend wirken, den Appetit anregen und so zum Beispiel die Begleiterscheinungen von Chemotherapien lindern. Mediziner loben Medikamente auf Cannabisbasis als effektiv und gut verträglich. Meist geht es darum, die Leiden von Schwerstkranken zu lindern. Um die 10.000 Patienten hat THC Pharm schon mit den Cannabis-Substanzen versorgt, viel mehr also als die wenigen hundert Deutschen, die eine Ausnahmegenehmigung zur Anwendung von Cannabis haben, von der derzeit oft die Rede ist. Die meisten der Anwender waren schon austherapiert, Ziel war und ist es dann, die Symptome und den Leidensdruck zu mindern, wie Rönitz sagt.

          Kein „Kiffen auf Rezept“

          Dass derzeit so viel über Cannabis diskutiert wird, findet Rönitz gar nicht gut. Denn aus seiner Sicht geht vieles durcheinander in der Debatte über das berauschende Kraut, über Legalisierung und medizinischen Nutzen. Es sei wichtig, den Freizeitkonsum von der medizinischen Anwendung zu trennen, sagt Rönitz. „Je mehr übers Kiffen geredet wird, desto irrationaler wird die Debatte.“ Von der Politik erwartet er ein klares Signal, dass Cannabinoide als Medizin angewandt werden dürfen und sollen. Dass es mit manchen Krankenkassen Vereinbarungen für die Anwendung in der Palliativmedizin gebe, reiche nicht. „Wir könnten viel mehr Patienten helfen, wenn die Voraussetzungen klarer geregelt wären“, meint Rönitz. Doch noch sind die Kassen sehr zurückhaltend. Die Patienten sind oft in einer schwierigen Lage: Bis sie Widerspruch gegen einen Bescheid ihrer Krankenkasse einlegen können, kann es zu spät sein.

          Die Arbeit von Rönitz hat wenig mit dem „Kiffen auf Rezept“ zu tun, das derzeit so oft zitiert wird. Seine Kollegen im Labor stellen hochreines Dronabinol her. Die Wirkung unterscheide sich deutlich von der eines Joints, sagt Rönitz. Statt ein schnelles Hoch auszulösen, wirke die Medizin langsam und dafür länger. Berauschende Nebenwirkungen seien die Ausnahme. Zudem lasse sich das Grundprodukt sehr gezielt dosieren, was weder mit Joints noch mit Haschkeksen oder Ähnlichem möglich sei. Das gesundheitsschädliche Rauchen entfalle sowieso.

          Um die positiven Wirkungen zu erzielen, müssen die Laboranten von THC Pharm mittlerweile nicht einmal mehr Hanfpflanzen verwenden. Mit den Cannabinoiden sei es wie mit Vitamin C, sagt Rönitz. Wo sie herkämen, sei egal. „Die Grundstoffe für Dronabinol kann man auch aus Orangenschalen herstellen.“ Wie genau, das ist Geschäftsgeheimnis.

          Zahl der blöden Scherze nimmt ab

          Das Labor von THC Pharm verlassen keine fertigen Öle, Kapseln oder Sprays. Stattdessen beliefert das Unternehmen Apotheken mit einer farblosen, harzigen Flüssigkeit. Die Pharmazeuten mischen aus dem Stoff die passenden Produkte für die Kranken. Dass THC Pharm nur diese Rezeptursubstanz zur Verfügung stellen darf, liegt an der komplizierten Rechtslage. Dronabinol fällt unter das Betäubungsmittelgesetz, Patienten brauchen ein spezielles Rezept, das nicht alle Ärzte ausstellen wollen. Es hat sich aber schon einiges getan. Als THC Pharm anfing, Cannabinoide herzustellen, durften Ärzte das Mittel verschreiben, aber als „verkehrsfähig“ stuften es die Behörden erst später ein.

          Es ist auch der Beharrlichkeit der Gründer von THC Pharm zu verdanken, dass sich überhaupt etwas geändert hat. Angefangen hatte alles als Patientenkollektiv. Rönitz und seine Bekannten wollten einem querschnittgelähmten Freund helfen und leisteten zu diesem Zweck die Pionierarbeit im Labor und mit den Behörden. Größere Pharmafirmen haben bis heute kein Interesse daran, diese Art von Medikamenten herzustellen. Die Zulassung wäre teuer, den Wirkstoff kann sich niemand patentieren lassen, der Markt ist trotz aller Wachstumspotentiale beschränkt. Reich geworden sind die Chefs von THC Pharm deshalb bis heute nicht. Immerhin sind sie mittlerweile gefragte Fachleute, können Expertisen liefern und hochkonzentrierte Cannabinoide für andere Wissenschaftler herstellen.

          Die Zahl der blöden Scherze auf Medizinkongressen hat mittlerweile auch abgenommen. Rönitz geht davon aus, dass sich der Umgang mit den Wirkstoffen weiter normalisieren wird. Bei Opiaten habe das schließlich auch funktioniert.

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