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Wiesbadener Domäne : Volle Konzentration auf Mechtildshausen

Umbaupläne: Domäne Mechtildshausen in Wiesbaden Bild: Cornelia Sick

Die Wiesbadener Jugendwerkstatt stellt sich neu auf. Das Hofgut Klarenthal und das Ausbildungszentrum an der Hasengartenstraße werden aufgegeben.

          3 Min.

          Es ist eine Zäsur: Die bislang auf mehrere Standorte verteilte Wiesbadener Jugendwerkstatt (WJW) will sich mittelfristig ganz auf die Domäne Mechtildshausen konzentrieren. Sozialdezernent Christoph Manjura (SPD) hat die bislang eher vage formulierte Absicht jetzt in zwei konkrete Vorlagen gegossen, die mit Ergänzungen vom Stadtparlament auch beschlossen wurden. In der Konsequenz könnte sich die WJW absehbar vom Hofgut Klarenthal und vom Ausbildungszentrum an der Hasengartenstraße trennen und im Gegenzug eine Millioneninvestition in den Ausbau der Domäne Mechtildshausen tätigen. Die Neuordnung dient auch dazu, sich ganz auf die berufliche Integration und Reintegration arbeitsloser oder von Arbeitslosigkeit bedrohter Menschen zu konzentrieren.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Das Hofgut Klarenthal hatte die WJW vor mehr als 20 Jahren in Erbpacht von der Stadt übernommen. Dazu gehört nicht nur das rund 9100 Quadratmeter große Grundstück mit den sanierungsbedürftigen Gebäuden, sondern auch fast 20 Hektar Wiesen und Äcker. Diese werden als Weide für die Rinder und zum Anbau von Futterpflanzen genutzt. Eigentlich läuft der Erbpachtvertrag noch bis Februar 2084. Die seinerzeit mit dem Vertrag verbundene Erwartung der Stadt war, dass die WJW das Hofgut im Rahmen ihrer Ausbildung von Handwerkern saniert. Dazu kam es nur ansatzweise.

          Gastronomieküche bald in Mechtildshausen

          Die WJW, die sich in einer schwierigen Phase der Neuausrichtung und Umstrukturierung befindet, hält das Festhalten am Hofgut Klarenthal inzwischen „weder für zweckmäßig noch für wirtschaftlich“. In den Gebäuden nutzt sie derzeit nur noch die Gastronomieküche, die ebenfalls an die Domäne Mechtildshausen verlagert werden soll. Als Argument für die Aufgabe des Hofguts gilt unter anderem die große Entfernung zwischen beiden Standorten, die Auszubildenden und Beschäftigten mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zumutbar sei. Zuletzt hatte die WJW einen Investitionszuschuss von 3,9 Millionen Euro für die Sanierung des Hofguts erhalten. Davon wurden bisher aber nur 800 000 Euro abgerufen und 215 000 Euro tatsächlich investiert. Die nicht ausgegebenen 585 000 Euro und weitere 900 000 Euro aus dem Budget will die WJW nach Mechtildshausen umlenken, um dort den Investitionsstau abzuarbeiten und vor allem die Markthalle zu sanieren. Deren Dach müsste gedämmt und der Fußboden saniert werden. Es liegen schon Kostenschätzungen über rund 1,6 Millionen Euro vor.

          Das danach noch verbleibende Geld geht an das Liegenschaftsamt, um das Hofgut vor dem weiteren Verfall zu schützen und es für andere Nutzer oder Käufer attraktiv zu machen. Laut Manjura gibt es schon „mannigfaltige Interessen“ an der Immobilie, die er lieber heute als morgen loswerden will. Die Äcker und Wiesen sollen weiter von der WJW genutzt werden.

          Der wichtigste Ausbildungsstandort der WJW ist bislang das Stammhaus an der Hasengartenstraße. Eine 34 000 Euro teure Machbarkeitsstudie kommt zu dem Ergebnis, dass die Verlagerung an die Domäne Mechtildshausen genehmigungsfähig und möglich wäre. Dazu wären allerdings Neu- und Umbauten notwendig, die eine erste, grobe Kostenschätzung auf 16,6 Millionen Euro taxiert. Aus Sicht der Stadt wäre das insofern eine Art Wirtschaftsförderung, weil ein großer Steuerzahler der Stadt, das Unternehmen Vitronic, genau dieses Grundstück an der Hasengartenstraße nur zu gerne für seine Expansion erwerben würde. Der Stadt steht daher vor einer Grundsatzentscheidung zur Standortverlagerung.

          In der Vorlage von Manjura dazu werden die Vorteile genannt: eine bessere Vernetzung der einzelnen Sparten der WJW, bessere Auslastung der Schulungs-, Sozial- und Gemeinschaftsräume, der Verzicht auf zeitraubende Fahrten und eine gleichzeitige Auflösung der Investitionsstaus an allen drei bisherigen Standorten. Allerdings gehört die 14,2 Hektar große Domäne Mechtildshausen dem Land Hessen. Wiesbaden verhandelt gerade über einen neuen Erbpacht- oder gar einen Kaufvertrag. Dazu soll das Wertgutachten aktualisiert werden, das vor fünf Jahren die Domäne mit 5,4 Millionen Euro bewertet hatte. Eine Einigung gibt es noch nicht – dafür viele Fragen, beispielsweise zu den steuerrechtlichen Folgen einer vorzeitigen Auflösung des Erbpachtvertrages.

          Sperrvermerk für Etatposten

          Vor allem auf Dringen der Grünen sollen die Fragen noch fachlich geklärt werden, ehe finale Beschlüsse gefasst werden. SPD und Grüne haben zudem durchgesetzt, dass die knapp 1,7 Millionen Euro für die Domäne Mechtildshausen vorerst mit einem Sperrvermerk versehen werden, bis Klarheit über eine Einigung mit dem Land besteht. Die zwei Millionen Euro für das Hofgut Klarenthal sollen erst ausgegeben werden dürfen, wenn ein überzeugendes Konzept vorliegt. Bei einem Verkauf soll es vor allem auf das Konzept des Investors und nicht auf den erzielbaren Höchstpreis ankommen.

          Eine Alternative zur Standortkonzentration auf der Domäne Mechtildshausen sieht Manjura nicht. Zwar könnte die Stadt auch in Wiesbaden ein Gewerbegrundstück kaufen und dort neu bauen. Die Kosten wären aber „mit den Um- und Ergänzungsbauten auf der Domäne vergleichbar“, ohne dass die Synergieeffekte einer Zusammenlegung einträten.

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