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Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik : Auf der Suche nach den Gesetzen der Schönheit

Pionierin: Melanie Wald-Fuhrmann baut als Direktorin das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt auf Bild: Fiechter, Fabian

In Frankfurt entsteht ein Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik. Ein Neubau an der Miquelallee ist geplant. Das Land gibt 45 Millionen Euro dazu.

          Die meisten Musikliebhaber würden dieser Behauptung spontan zustimmen: Konsonanzen erfreuen das Ohr, Dissonanzen dagegen sind hässlich. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht, wie Melanie Wald-Fuhrmann weiß: Richard Wagner zum Beispiel habe „Dissonanzen wahnsinnig schön klingen lassen“. Wie solche Widersprüche zu erklären sind, wird Wald-Fuhrmann demnächst in Frankfurt untersuchen: Die 1979 geborene Musikwissenschaftlerin ist eine von künftig vier Direktoren des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik, das sich derzeit im Aufbau befindet.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Gegensatzpaar „schön“ und „unschön“ ist dabei nur eine der Kategorien, die Wald-Fuhrmann und ihre Kollegen interessieren. „Ein Horrorfilm zum Beispiel ist nicht schön; trotzdem genießen viele Leute es, sich so etwas anzusehen“, sagt die Forscherin. Ebenso vielfältig wie die Möglichkeiten, ästhetisches Erleben zu beschreiben, sind die Ansätze, es wissenschaftlich zu erfassen. Philosophie und Kunstgeschichte betrachten das Phänomen theoretisch-abstrakt und historisch. Die Psychologie fragt, wie Kunstgeschmack und Persönlichkeitsstruktur zusammenhängen, die Soziologie erklärt Vorlieben und Abneigungen mit der gesellschaftlichen Herkunft eines Menschen. Noch sehr jung ist die Neuroästhetik, die zeigt, welche Hirnareale aktiv sind, wenn jemand Ekel oder Entzücken verspürt.

          Grundsätze in den Genen

          All diese Fachrichtungen sollen unter dem Dach des neuen Instituts zusammengeführt werden. Bis zu 150 Mitarbeiter werden nach Wald-Fuhrmanns Worten dort tätig sein und für die Suche nach der Harmonie in Musik, Literatur und bildender Kunst eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden nutzen: Physiologische Untersuchungen von Probanden mit EEG und Neuroscanner sollen ebenso zum Handwerkszeug gehören wie Interviews und Quellenstudien.

          Schwierig ist es nach Ansicht der Direktorin, die Wurzeln bestimmter ästhetischer Grundsätze in den Genen zu verorten. Dass man zum Beispiel Musik in Dur als heiter und Stücke in Moll als traurig wahrnehme, sei erlernt, glaubt sie. Gleiches gelte für die Bewertung von Konsonanz und Dissonanz. „Wir würden völlig anders auf atonale Musik reagieren, wenn wir sie von klein auf hören würden.“ Das Urteil über außereuropäische Musik wiederum sei oft von einem Gefühl vermeintlicher Überlegenheit geprägt, das alter kolonialer Arroganz entspringe.

          Ein allgemeingültiges Gesetz der Schönheit aufzustellen, kann daher nach Wald-Fuhrmanns Meinung nicht die Aufgabe des Instituts sein. Wohl aber könne man fragen, ob es Kriterien gebe, die in allen Kulturen zur Beurteilung von Kunstwerken angewandt würden: Ausgewogenheit und Symmetrie beispielsweise oder ein bestimmter, mittlerer Grad von Komplexität. Noch haben die Ästhetikforscher keine eigenen Labore, in denen sie solche Annahmen erproben könnten. Auch Wald-Fuhrmann. bisher in Berlin tätig, ist derzeit nur Gast in Frankfurt; ihr provisorisches Büro hat sie im Max-Planck-Institut für Hirnfoschung an der Deutschordenstraße.

          Jahre bis zum Neubau

          Doch schon im November, so hofft sie, kann sie mit den ersten Doktoranden und Postdocs vorübergehend Quartier in einem Bürogebäude im Westend beziehen. Nicht weit entfernt davon soll dann das endgültige Domizil des Instituts errichtet werden. Ein Gelände an der Ecke von Miquelallee und Eschersheimer Landstraße ist schon gefunden, aber bis der Neubau steht, „wird es noch fünf Jahre dauern“, schätzt Wald-Fuhrmann. Die Finanzierung ist nach ihren Angaben gesichert: Das Land Hessen stelle für den Neubau und die Miete im Interimssitz 45 Millionen Euro bereit.

          Wenn der Institutsbetrieb erst einmal richtig angelaufen ist, könnte auch der kulturliebende Bürger etwas davon haben. Komponisten und Schriftsteller sollen als „Artists in Residence“ an Forschungsvorhaben mitwirken, aber auch das Publikum mit ihrem Schaffen erfreuen. Vielleicht schon im Interimsdomizil, spätestens aber im Neubau will Wald-Fuhrmann öffentlich Musik aufführen lassen - in einem „Art Lab“, das echte Konzertsaal-Atmosphäre bietet, aber auch die nötige Technik für Experimente enthält. So könnten dann Hirnströme oder Atemfrequenz von Zuhörern gemessen werden, die sich gerade der Schönheit eines Beethoven-Quartetts hingeben. Und das bei freiem Eintritt, weil es ja der Wissenschaft dient.

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