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Max Beckmann : Brünnhilde in den Vereinigten Staaten

Beckmann ist da - im Städel. Bild: dpa

Innenansichten aus der Neuen Welt: Die Ausstellung „Beckmann und Amerika“ im Frankfurter Städel-Museum.

          Das Städel ist wieder geöffnet. Nicht das ganze Museum, wie ursprünglich beabsichtigt war, aber immerhin das Sonderausstellungen vorbehaltene Peichl-Gebäude. Die Sanierung des Haupthauses und die Arbeiten am unterirdischen Erweiterungsbau dauern noch an, im Frühjahr soll das neue Städel fertig sein. Die eigentlich zur Eröffnung vorgesehene Max-Beckmann-Ausstellung liefert nun einen Vorgeschmack auf glanzvolle Zeiten in naher Zukunft. Denn diese Präsentation ist außergewöhnlich und in dieser Form bisher noch nicht dagewesen. Sie wirft einen konzentrierten Blick auf die letzte Schaffensphase im Œuvre eines Künstlers, dem mit der Auswanderung nach Amerika noch einmal eine Steigerung seines Schaffens gelang: ein erstaunliches Spätwerk.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Freilich malt Beckmann (1884 bis 1950) auch in den Vereinigten Staaten weniger das, was er sieht, als Innenwelten, Ideallandschaften, Privatmythologien, Symboltableaux, verschlüsselte Szenerien eines Mysterientheaters. Die Erfahrungen, die er auf der anderen Seite des Atlantiks macht, die Bilder, die sich ihm dort aufdrängen, die Städte und Gegenden, die Nightclubs und biederen Bürger, alles dies fließt in sein Werk ein, gibt den Anlass zu originellen Bildfindungen, verleiht vielen Bildern aus den Jahren 1947 bis 1950 eine spezifische Atmosphäre. Frauenbildnisse wirken plötzlich, als habe der Künstler nichts als Filmdiven im Sinn, und die Lesende, die Beckmann malt, hält ein Buch mit farbigem Einband in der Hand, vielleicht auch eine Illustrierte oder ein Comic-Heft mit farbigem Cover, wie es in Europa noch nicht üblich war.

          Keiner aus dieser Familie scheint in einer Beziehung zu den anderen zu stehen

          Trotzdem bleibt Beckmann, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs keine Lust verspürte, aus dem Amsterdamer Exil nach Deutschland zurückzukehren, in der Neuen Welt, die schon lange ein Sehnsuchtsziel für ihn war, durch und durch Europäer. Als eines der ersten Bilder in Saint Louis, wo er 1947 einen Lehrauftrag erhalten hatte, malt er eine „Walküre“, Brünnhilde aus Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ höchstwahrscheinlich und eine Reminiszenz an seine erste Frau, Minna Beckmann-Tube, die Opernsängerin war und in dieser Rolle oft auf der Bühne stand. Der Erfolg, den Beckmann in den Vereinigten Staaten hatte, ist durchaus dem zu vergleichen, den heute die Maler der Leipziger Schule mit ihrer figurativen Malerei dort haben. Sie bedienen wie einst Beckmann eine Vorstellung von europäischer Verrätselung und Tiefe, die selbst unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gerade auch das Deutsche am von den Nationalsozialisten verfemten Künstler schätzte. Weil er im Dritten Reich als „entartet“ galt, konnten sich die Kunstfreunde in den Vereinigten Staaten umso unbefangener einem Werk nähern, das in scharfem Kontrast zum aufblühenden abstrakten Expressionismus stand.

          In der Ausstellung ist neben einer Reihe von Gemälden, die ins Vorfeld des amerikanischen Kapitels gehören, auch die „Kreuzabnahme“ von 1917 zu sehen. Mit ihr beginnt die Schau. Das Bild hat der damalige Städel-Direktor Georg Swarzenski 1919 direkt aus dem Atelier Beckmanns gekauft. 1937 haben die braunen Machthaber es zusammen mit zahlreichen anderen Werken des Expressionisten, der selbst keiner sein wollte und sich überhaupt gegen alle stilistischen Einordnungen sträubte, beschlagnahmt und um der Devisen willen in den internationalen Kunsthandel gegeben. Es gelangte in den Besitz von Curt Valentin, einem Galeristen und engen Freund Beckmanns. Aus Valentins Nachlass kam das Bild ins New Yorker Museum of Modern Art, das es jetzt dem Städel für die Dauer der Schau ausgeliehen hat. Es ist ein erschütterndes Dokument, wie Beckmann den Schrecken des Ersten Weltkriegs verarbeitete. Und spiegelt seinen eigenen Zusammenbruch nach dem Sanitätsdienst in Flandern und anderen Kriegserfahrungen wider.

          Drei seiner großen Triptychen, „Departure“, „The Beginning“ und „Die Argonauten“, sind in unter anderem in dieser Schau zu besichtigen, die auch mit einem kuriosen Werk wie dem Porträt der Familie Hope aufwartet, das zu malen Beckmann sich aus finanziellen Gründen genötigt sah: Keiner aus dieser Familie scheint in einer Beziehung zu den anderen zu stehen, und der Versuch, sich für ein Weihnachtsfoto so zu gruppieren, wie Beckmann die Familie dargestellt hatte, scheiterte: Das extreme Hochformat, das der Künstler wählte, ließ sich nicht in das andere Medium übertragen.

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