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Mauricio Guillén : Auf der Straße des Fortschritts

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Der mexikanische Künstler Mauricio Guillén stellt seine Arbeiten im Frankfurter MMK Zollamt aus. Die Schau wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet.

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          Vielleicht ist seine Zeit einfach abgelaufen. Seine Studenten kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Sie verstehen ihn nicht mehr. Überhaupt lebt der nicht mehr ganz junge Herr in seiner eigenen Welt. In einem Universum, dessen von der Aufklärung, von Bildung und vom Fortschritt markierten Fixpunkte im Mexico City von heute allenfalls noch im Stadtplan Bedeutung haben. Denn all die Straßen, die er, Schönberg hörend, auf dem Heimweg im Taxi passiert, tragen die Namen großer Männer, die der Menschheit einst, wie der Professor jetzt seinen Studenten, die Welt erklärten.

          Newton etwa, Hegel, Galileo oder Kant, Lord Byron und Victor Hugo und mit Karl Marx am Ende jener Philosoph, der einmal diese Zeilen schrieb: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Dann rechts ab in jene Gasse, die den Namen Stalins trägt. Der Weg führt also von den Anfängen der Aufklärung über ihre Blüte und die Revolution bis zum Terror der Diktatur. Und als der namenlose Professor ankommt in der „Straße des Fortschritts“ - einer Gegend, die, einst stolzes Projekt der Partei der Institutionalisierten Revolution, „heute total kaputt ist“, wie Mauricio Guillén sagt - erscheint alles wüst und leer.

          Von Zukunft und Utopie keine Spur

          Von Zukunft jedenfalls und Utopie findet sich nicht die Spur in seinem 20 Minuten langen Schwarzweißfilm „Avenida Progreso“, der jetzt bei der Ausstellung des 1971 in Mexiko-Stadt geborenen Künstlers im MMK Zollamt, der Dependance des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, zu sehen ist. Und wiewohl der seit drei Jahren am Main lebende Guillén den Film auch als „eine kleine Hommage an Frankfurt und die Frankfurter Schule“ versteht, liegt es nahe, in dem auf 16 Millimeter gedrehten Film einen Abgesang auf ein gescheitertes Projekt zu sehen: die Aufklärung. Ihn flott darauf zu reduzieren aber hieße, seine Komplexität zu unterschätzen.

          Denn Guillén, so zeigt die Schau, gibt mit seinen in unterschiedlichen Medien realisierten Arbeiten nicht zuvörderst Antworten. Er stellt vor allem Fragen. Nach Theorie und Praxis etwa, Bildung und Wissen, Kunst, Kolonialismus und sozialer Gerechtigkeit; danach, was derlei Begriffe im 21.Jahrhundert noch bedeuten; und wie Sprache seit jeher unser Bild der Welt bestimmt, genauer: wie sie Wirklichkeit erst schafft. Das gilt für das zentrale „Avenida Progreso“ geradeso wie für „I don’t believe in Aliens“, für die Guillén die Illustrationen zu einem Reisebericht Alexander von Humboldts bearbeitet hat, und vor allem für „AnAlphabet“. Darin beschränkt sich der künstlerische Eingriff darauf, ein von dem Engländer William Nicholson gestaltetes Buch, das im 19.Jahrhundert beim Erlernen des Alphabets half, als Leporello vorzuführen: Von A wie Artist über B wie Beggar, Dandy, Earl und Gentleman bis zu Idiot, Lady oder Milkmaid und Villain mochte man sich hier die Welt erschließen im Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse.

          Geblieben sind nur Namen

          Heute mag man andere Vokabeln lernen, gleichviel. Nur im Film scheint Guilléms Fazit bitterer: Geblieben sind nur die Namen von Denkern, Dichtern, Philosophen, kurzum: ein Wegenetz nicht zur Interpretation von Welt, sondern um sich in der urbanen Realität nicht zu verlaufen. Und ein alternder Professor, der an der Wirklichkeit gescheitert ist. Marx, mag man am Ende von „Avenida Progreso“ denken, hätte ihm da womöglich weiterhelfen können. Aber das, mag sich der Professor denken, hatten wir ja schon.

          Die Ausstellung im MMK Zollamt ist bis zum 16.September dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr geöffnet.

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