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Stada Arzneimittel AG : Über Nacht der Chef von 10.000 Mitarbeitern

Führt bis auf weiteres die Stada AG: Matthias Wiedenfels Bild: Stada

Völlig überraschend lässt der langjährige Vorstandsvorsitzende von Stada in Bad Vilbel sein Amt ruhen. Matthias Wiedenfels führt bis auf weiteres den Arzneimittelhersteller. Ein Porträt.

          Der Norddeutsche an sich ist ein recht ruhiger, zurückhaltender Typ. So sagt jedenfalls der Volksmund. Matthias Wiedenfels bestätigt dieses Urteil auf den ersten Blick. Da betritt kein Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ den Raum, wenn er sich zu seinem Gast gesellt. Zudem sagt der 43 Jahre alte gebürtige Kieler auch noch Sätze wie: „Ich gehöre zu der Generation Manager, die sich für austauschbar hält.“ Gleichwohl fügt Wiedenfels im nächsten Atemzug hinzu, er führe Mitarbeiter gerne. Andernfalls hätte er es auch nicht im Alter von 40 Jahren zum Vorstand für Unternehmensentwicklung und Zentrale Dienste der Stada Arzneimittel AG gebracht. Fortan wird von ihm noch mehr Führung erwartet. Ist der Jurist doch über Nacht an die Spitze des Herstellers von Nachahmerarzneien und anderen Gesundheitsprodukten in Bad Vilbel gerückt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Anlass: Der langjährige Konzernchef Hartmut Retzlaff ist ernsthaft, wenn auch nicht lebensbedrohlich erkrankt, wird wohl länger ausfallen und lässt sein Amt ruhen, wie Stada mitteilte. Wie lange der Mittelhesse, der Stada seit 23 Jahren prägt, nicht zur Verfügung stehen wird, ist offen. Auf Geheiß des Aufsichtsrats teilen sich Finanzchef Helmut Kraft und Wiedenfels deshalb vorerst Retzlaffs Aufgaben, wobei der Mann aus der Hauptstadt Schleswig-Holsteins zusätzlich als Vorstandsvorsitzender zeichnet. So ist er nun Chef von 10.440 Mitarbeitern, von denen 1000 am Stammsitz tätig sind.

          Eine Frage des Vertrauens

          Die Reaktion der Börse kann der sportliche Manager, der privat zum Ausgleich gerne boxt, Tennis spielt und Wassersport treibt, als ermutigend ansehen. Stada zählte gestern zu den stärksten Titeln im Mittelwerte-Index M-Dax. Die Anleger bringen ihm also das entgegen, was Wiedenfels neben Glaubwürdigkeit und Integrität als Leitfaden für seine Arbeit nennt: Vertrauen. Martin Abend, der Stada-Chefaufseher, wiederum preist den neuen Mann an der Spitze als erfahrenen langjährigen Manager. Wiedenfels habe den Erfolg der vergangenen Jahre maßgeblich mitgestaltet und den Wandel im Sinne des Unternehmens vorangetrieben.

          Aus regionaler Sicht am augenfälligsten war, dass Stada sein Hochregallager in Florstadt und die Logistik am Stammsitz einschließlich Personal 2015 an die Deutsche-Post-Tochter DHL abgegeben hat. Logistik, so Personalvorstand Wiedenfels seinerzeit, gehöre nicht zum Kerngeschäft. Und mit Blick auf den mit der Chemiegewerkschaft IG BCE ausgehandelten Interessenausgleich für die 155 Mitarbeiter in Florstadt hob er hervor, Stada habe sich nicht lumpen lassen. International hat er 2013 den Erwerb des britischen Arzneimittelherstellers Thornton & Ross mit verwirklicht.

          „Es geht hier nur mit den Mitarbeitern“

          Bevor Wiedenfels zu Stada kam, studierte er Jura in Heidelberg, Montpellier und Freiburg, 1999 wurde er promoviert. Das Rhein-Main-Gebiet lernte er beruflich erstmals im selben Jahr kennen: Für zwei Jahre war er als Rechtsreferendar am Landgericht Frankfurt tätig, bevor er in den Dienst einer großen Anwaltskanzlei eintrat. Seit 2009 arbeitet Wiedenfels für Stada in leitender Position. Dass er für Unternehmensentwicklung und Personal zuständig ist, passt aus seiner Sicht gut zusammen. Die Unternehmensentwicklung, die ihn nach seinen Worten die meiste Zeit beschäftigt, ist schließlich ohne Personal nicht denkbar. „Es geht hier nur mit den Mitarbeitern. Unsere Stärke im Vertrieb beziehen wir daraus, dass die Leute hier gerne arbeiten“, sagt er und fügt hinzu, bei Stada in Bad Vilbel herrsche ein kameradschaftlicher Ton.

          Als oberster Personaler hat er auch erfahren, dass Nachwuchskräfte es nicht so mit Hierarchien haben und sich weniger für Lohnbestandteile interessieren als für Freizeitausgleich und dafür, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Letzteres ist auch für den neuen Chef eine immerwährende Aufgabe angesichts eines Zwölf-Stunden-Tags: Wiedenfels ist Vater einer Tochter.

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