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Mathias Herrmann : Von Aufbruch zu Aufbruch

  • -Aktualisiert am

„Ich kann mit jeder Rolle, die ich wähle, etwas anfangen“: Mathias Herrmann, aufgenommen auf einer Theaterbühne vor Vorstellungsbeginn. Bild: Pein, Andreas

Er ist Sohn eines Buchhändlers, Enkel eines Theaterkritikers. Er wurde groß mit Klassikern, später wollte er von der Literatur erst einmal nichts wissen. Inzwischen hat der Schauspieler Mathias Herrmann zum gedruckten Wort längst zurückgefunden.

          Diese Stimme. Es ist eine von denen, die so angenehm tief und warm klingen, dass man gerne zuhört. Kein Wunder, dass Mathias Herrmann nicht nur Schauspieler ist, sondern auch als Vorleser begehrt. Und schön, dass man im Rhein-Main-Gebiet praktisch an der Mathias-Herrmann-Quelle sitzt, nicht nur, weil der gebürtige Hesse von 1997 bis zu seinem Serientod 2001 in „Ein Fall für zwei“ den Rechtsanwalt Dr. Johannes Voss und also in Frankfurt eine Hauptrolle spielte, (ja, so lange ist das schon her . . .). Sondern auch, weil er der älteste Sohn von Christian Herrmann ist, dem legendären Inhaber der traditionsreichen „Buchhandlung Bindernagel“ in Friedberg, die dieser heute mit Mathias Herrmanns Schwester Friederike führt. So gibt es immer wieder einmal die Chance, Mathias Herrmann dort bei Lesungen zu erleben. Gerade hat er ein Hörbuch eingesprochen mit dem Titel „Großer Schlafdieb“: Balladen des Darmstädter Dichters Hans Schiebelhuth, eines Expressionisten, weithin vergessen, obwohl ihm 1947 posthum der Büchnerpreis verliehen worden war; das Werk gibt es exklusiv in der Friedberger Buchhandlung.

          Man könnte nun von einem, der mit den Klassikern groß geworden ist, der als Kind die griechischen Sagen vorgelesen bekam (“in einer altersgemäßen Version“), Sätze erwarten wie den, dass ein Leben ohne die Literatur für ihn nicht vorstellbar sei. Aber so einfach ist das nicht. In seiner Jugend verweigerte Mathias Herrmann den Eltern das zu Erwartende hartnäckig. „Ich habe eine Weile nur Comics gelesen, das war das Grauen für meinen Vater.“ Der Sohn des Buchhändlers wurde erst einmal Sportskanone mit Neigungsfach Karate. „Wir haben damals sieben Tage die Woche trainiert und sind mit einem alten VW-Bus zu den Wettkämpfen durch halb Europa gereist“, erinnert er sich, „das war aufregend.“ Drei Mal wird Mathias Herrmann Deutscher Karate-Juniorenmeister. „Dann war irgendwie die Luft raus.“

          Sicherheitsnetz empfohlen

          Etwas anderes weckt sein Interesse an seiner Schule, dem Friedberger Burggymnasium, ein Lehrer, der „einen super Unterricht“ macht und eine Theater AG anbietet. Mit seinen Schulkameraden Thomas Heinze und René Pollesch, der eine heute ebenfalls Schauspieler, der andere Dramatiker und Theaterregisseur, erarbeitet er bald eigene Stücke, die im örtlichen Jugendzentrum zur Aufführung kommen. Bis es eigentlich nur noch ein Ziel gibt: von einer Schauspielschule aufgenommen zu werden. Die Eltern begegnen dem Berufswunsch des Sohnes mit größtmöglicher Fassung, die Familie hat ausreichend Erfahrung mit der Liebe zu den so genannten brotlosen Künsten. Mathias Herrmann zählt auf: „Mein Großonkel war Bassist in München an der Staatsoper, mein Großvater Walther Karsch Mitarbeiter der berühmten Weltbühne, einer der führenden Theaterkritiker Berlins und später Mitherausgeber des Tagesspiegel, Jury-Mitglied der ersten Berlinale. Meine Großmutter ist immer schon theaterverrückt gewesen, und mein Vater war selbst einige Jahre Schauspieler, bis erst ich und dann meine Schwester geboren wurde und er die Buchhandlung seines Vaters übernahm.“

          Aus dieser Erfahrung heraus empfiehlt Christian Herrmann seinem Sohn dringend einen Plan B, ein Sicherheitsnetz für die Schauspielerei. „Aber ich wollte loslegen.“ Ohne die angeratenen beruflichen Umwege bewirbt sich Mathias Herrmann bei mehreren Schauspielschulen. In Hamburg wird er abgelehnt und erlebt, wie man auch in der Kultur zu einer Abschreckungspolitik nordkoreanischer Vehemenz fähig ist: „Nach 14 Tagen erhielt jeder, der nicht angenommen wurde, einen Vordruck. Dort stand unter anderem: Sie haben weder Fantasie noch darstellerisches Vermögen.“ Ein Nierenhaken. Der ihn aber nicht zu Boden bringt, im Gegenteil. Die renommierte Otto-Falckenberg-Schule in München nimmt Mathias Herrmann an.

          Ein Familienmensch

          Auf die Ausbildung folgen zehn Jahre lang Engagements an Theatern in Freiburg, Dortmund, Bremen, Bonn, Mannheim, Basel. Familiengründung inklusive. In Dortmund lernt er die Schauspielerin Nicole Averkamp kennen, auf der Bühne. „Wir traten gemeinsam in einer Schlagerrevue auf. Wir hatten ein Duett und am Ende dieses Duettes gab es einen Kuss.“ Von Vorstellung zu Vorstellung wird dieser Kuss länger. Bald wird geheiratet, das Paar bekommt drei Töchter. „Wir hatten großes Glück“, sagt Mathias Herrmann über die 22 Jahre währende Beziehung zu seiner Frau.

          Sie ist eingebettet in eine kinderreiche Großfamilie. Nicole Averkamp hat vier Geschwister, Mathias Herrmann fünf. Sein Vater lebt in Friedberg, seine Mutter gemeinsam mit der „theaterverrückten Großmutter“ in Frankreich, wo Herrmann, der sich einen erklärten Familienmenschen nennt, mit Frau und Töchtern regelmäßig die Sommer verbringt. Seit neuestem wird das Urlaubsziel nicht mehr von Darmstadt aus, sondern von Dossenheim bei Heidelberg aus angefahren. Nicole Averkamp ist seit Beginn der Spielzeit 2011/12 am dortigen Theater fest engagiert.

          Er kann auch ganz anders

          Sosehr es auch beruhigt, wenn wenigstens einer in der Familie ein regelmäßiges Einkommen hat, für Mathias Herrmann wäre das keine Option, sagt er. Er schätze die Freiheiten der Selbständigkeit, trotz der Risiken, die sie berge. Auch deshalb sei er nur die gut drei Jahre bei „Ein Fall für zwei“ geblieben. „Wahnsinnig dankbar“ sei er für diese Zeit, sagt er, „aber ich war jung, ich war hungrig und abenteuerlustig. Ich wollte raus in die Welt.“

          Abzuspringen habe sich gelohnt, sagt er. Schon 1987 hatte er in „Das Mädchen mit den Feuerzeugen“ sein Kinodebüt gegeben und war auch vor den 33 Folgen von „Ein Fall für zwei“ im Fernsehen präsent gewesen. Danach zeigt er dann, dass er auch ganz anders kann. Er ist 2009 der linientreue Nationalsozialist Werner Fließ in dem mehrfach ausgezeichneten „John Rabe“, 2012 gibt er in „Die Abenteuer des Huck Finn“ unter der Regie von Hermine Huntgeburth einen hinreißenden Fiesling, im Frühjahr dieses Jahres war er in der Komödie am Kurfürstendamm in Berlin engagiert, in der deutschen Erstaufführung des Beziehungsstücks „Paarungen“. Regelmäßig ist er aber auch in TV-Produktionen zu sehen, in denen schöne Menschen in schönen Landschaften wattebauschweiche Liebeswirren durchleben. Er nennt das Abwechslung, die sei ja das Besondere an seinem Beruf, und: „Ich sage nicht, ich kann alles spielen. Aber ich kann sehr viel spielen und mit jeder Rolle, die ich wähle, etwas anfangen.“

          Er schlägt auch Angebote aus

          Er ist, wie das in der Sprache der Wirtschaft wohl hieße, breit aufgestellt, in jeder Hinsicht. „Karate, Tennis, Skifahren, Judo, Surfen, Reiten“, steht in seiner Selbstdarstellung, und dass er fließend „Hessisch, Berlinerisch, Englisch“ spricht, Querflöte und Saxophon spielen kann. Beste Voraussetzungen für so ziemlich alles zwischen Action und Komödie, Thriller und Tragödie, Musical und Seifenoper.

          Dennoch gibt es auch immer wieder Angebote, die Herrmann ausschlägt. Finanzielle Gründe stünden dabei nicht im Vordergrund, sagt er, obwohl viel dran sei an Gerüchten wie dem, dass inzwischen manches Film-Tier höhere Tagesgagen erhält als seine menschlichen Kollegen, und sehr wenig an denen, dass Schauspieler proportional zu ihrem Bekanntheitsgrad Summen verdienen, bei denen sie über eine Firmengründung auf den Cayman-Inseln nachdächten. Vor allem der Fernsehmarkt sei schwierig geworden. Seit der Pleite des verstorbenen Filmgroßhändlers Leo Kirch und dem Skandal um die ARD-Produktionsgesellschaft Degeto, die unter anderem mehr Filme und Serien in Auftrag gegeben hatte, als ihr Etat zuließ, würde weit weniger als früher gedreht. Gleichzeitig stünden Redakteure unter Kosten- und Quotendruck, für viele Schauspieler sackten Tagesgagen in nur noch schwer zumutbare Tiefen.

          Im Kleinen groß

          Mathias Herrmann engagiert sich im Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler, seit dieser 2006 gegründet wurde. „Man muss etwas tun“, sagt er, „weil es niemanden unter den Kollegen gibt, der nicht merkt, wie sich die Bedingungen extrem verschlechtern.“ Dennoch hängt er am Beruf. Die Schauspielerei sei ein Handwerk, „gleichzeitig geht es immer auch um die eigene Seele“.

          Genauso aber liebt er es, vorzulesen, ob Kleist, ob Lenz, ob Robert Gernhardt. Die Liebe zur Literatur ist nach der Comicphase bei ihm doch noch ausgebrochen. Mit den Jahren ist sie nicht schwächer geworden. ,Schuld und Sühne’ habe ich vier Mal gelesen, in verschiedenen Altersphasen, man schaut da ja immer auf ganz andere Sachen. Oder ,Rot und Schwarz’ von Stendhal, da knie ich davor.“ Herrmann sagt, er bekomme „schrecklich gerne Buchtipps“, „das wird dann sofort gekauft“. In Papierform, nicht als Download. „Ich bin schließlich der Sohn eines Buchhändlers.“

          Im vergangenen Jahr wurde er fünfzig. So wie der Räuber Hotzenplotz. Da ist er, auf Bitten seiner Schwester, in die Rolle des wohl berühmtesten Kleinkriminellen der Kinderliteratur geschlüpft und daheim in der Buchhandlung Bindernagel aufgetreten, großen Spaß habe das gemacht. Und die anwesenden Kinder haben vielleicht, ohne es zu wissen, begriffen, worauf es nicht nur beim Schauspielern ankommt: auch im Kleinen großartig zu sein.

          Zur Person

          Mathias Herrmann wurde am 16. Juli 1962 in Friedberg in eine Buchhändlerfamilie geboren. Er ist der älteste Sohn von Christian Herrmann, dem besonders rührigen Besitzer der Buchhandlung Bindernagel und bestimmende Größe im Kulturleben der Stadt. Nach dem Abitur am Friedberger Burggymnasium studierte er Schauspiel an der Otto-Falckenberg-Schule in München, war danach jahrelang an verschiedenen großen deutschen Theatern, aber bereits auch als Film- und Fernsehschauspieler tätig, ehe er 1999 für drei Jahre die Rolle des Dr. Johannes Voss in „Ein Fall für zwei“ übernahm. Auf den Serientod folgten weitere Hauptrollen, etwa in dem mehrfach ausgezeichneten Kinofilm „John Rabe“, Fernsehproduktionen, Theaterengagements. Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler tritt Mathias Herrmann auch als Vorleser auf, bisweilen auch in der Buchhandlung Bindernagel, die heute seine Schwester gemeinsam mit seinem Vater leitet, und spricht Hörbücher ein. Er ist seit 1991 mit der Schauspielerin Nicole Averkamp verheiratet. Das Paar hat drei Töchter.

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