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Massendemonstrationen : Streit in der Türkei erhitzt auch die Gemüter der Frankfurter Türken

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„Es ist ein Skandal“: Ergün Arslan und seine Ehefrau Ferda demonstrieren von Frankfurt aus gegen die Politik Erdogans. Bild: dpa

Der Streit um einen Park in Istanbul und seine Folgen lassen auch die Türken in Deutschland nicht kalt. Aber die Stimmung ist gespalten. Spurensuche im Frankfurter Bahnhofsviertel.

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          Ein dunkelhaariger Mann lädt Obst aus einem Kastenwagen, Körbe voller Melonen versperren den Gehweg. Ein türkischer Friseur wartet daneben auf Kundschaft, ein Schild mit der Aufschrift „Moschee“ weist den Weg in einen Hinterhof. Wer im Frankfurter Bahnhofsviertel durch die Münchner Straße schlendert, wähnt sich in einer Großstadt in der Türkei. Auf dem Ladentisch einer Buchhandlung liegt die türkische Zeitung „Hürriyet“, ein Bild vom Gezi-Park in Istanbul prangt auf der Titelseite. An der Räumung eines Protestlagers in dem Park - und am Umgang des türkischen Staates mit den Demonstranten - hat sich in der Türkei ein heftiger Streit entzündet. Das lässt auch die Türken in Frankfurt nicht kalt. Auch hier gehen die Meinungen auseinander.

          Da ist zum Beispiel Ergün Arslan. Der Mann mit der Sonnenbrille, über dessen breite Brust sich der Schriftzug „Turkisch“ zieht, sitzt mit seiner Frau vor einem Kebap-Laden, die Teller sind leer, türkischer Tee dampft aus kleinen Gläsern. Er ist auf der Seite der Demonstranten. „Wir haben hier schon vor zwei Wochen mit über 5000 Menschen demonstriert“, sagt er. „Mein Vater lebt in Izmir, er demonstriert jeden Tag und postet die Bilder auf Facebook“, ergänzt er und blickt auf sein Smartphone. „Es ist ein Skandal, wie mit den friedlichen Demonstranten umgegangen wird.“ Arslan erzählt, er habe Geld gesammelt und in die Türkei geschickt. Seine Freunde hätten sich davon Gasmasken gekauft. „Es geht schon lange nicht mehr um den Park, sondern um Menschenrechte“, sagt er. „Da hat sich so viel Wut angestaut in den letzten Jahren.“

          „Die Demonstranten sind nur eine kleine Minderheit“

          Ganz anderer Meinung ist Ali Güçlü. Der 52 Jahre alte Mann sitzt im Hinterzimmer seines türkischen Friseursalons, vorne wird ein Kunde gerade rasiert. „Die Demonstranten sind nur eine kleine Minderheit“, sagt Güçlü. Und mit Blick auf Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagt er: „Erdogan hätte natürlich etwas entspannter reagieren können.“, Auch Ali Ünlü findet die Aufregung übertrieben. Er ist schon in Rente, trotzdem steht er hinter der Kasse einer türkischen Schneiderei. Seit 1968 lebt er in Deutschland. „In Frankreich zünden die Jugendlichen Autos an, in England demolieren sie Einkaufsläden, aber keiner sagt, das sind keine Demokratien“, sagt Ünlü: „Aber die Türkei beschimpfen jetzt alle.“

          Hinter ihm sitzt Emre Bastürk an einer Nähmaschine, er kam erst vor zehn Jahren aus der türkischen Stadt Ismid nach Frankfurt. Auch er verfolgt die Proteste in seiner Heimat, genau wie Arslan vor allem auf seinem Handy über Facebook. „Ich finde, die Demonstranten haben recht“, sagt er: „Wir wollen keinen Gottesstaat in der Türkei.“

          Was ist los in Istanbul?

          Ein Mann, der im Anzug vor der Filiale einer türkischen Bank eine Zigarette raucht und anonym bleiben will, hält das Argument für vorgeschoben. „Es findet keine Islamisierung der Türkei statt“, sagt der Türke. Hinter dem Aufstand steckten andere, „radikale“ Motive. Die Demonstranten würden nicht nur das Ansehen des Landes beschädigen, auch die Börsenkurse würden wegen ihnen abstürzen. „Die Leute sollten eher hier in Deutschland demonstrieren, hier wird alles schlechter“, sagt der Banker. Ein paar Meter entfernt sitzen türkische Jugendliche vor einem Kebap-Laden. Gebannt starren sie auf die Bildschirme ihrer Handys.

          Was genau ist los in Istanbul? Die Regierung plant im Gezi-Park den Nachbau einer osmanischen Kaserne, Demonstranten wollen das verhindern. Inzwischen richten sich die Proteste aber vor allem gegen den autoritären Regierungsstil von Ministerpräsident Erdogan. In Deutschland gibt es einige Solidaritätsaktionen von Türken mit den Demonstranten in ihrer Heimat. In Frankfurt, wo nach Angaben der Stadt 2012 über 28000 türkische Staatsbürger wohnten, stand am frühen Freitagabend eine Demonstration auf dem Programm.

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