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Westernhagen in Frankfurt : Er war wieder hier

  • -Aktualisiert am

Das Original mit Hut: Westernhagen ist in die Frankfurter Festhalle zurückgekehrt. Bild: Michael Kretzer

Jetzt hat er es doch noch getan. Eigentlich wollte Marius Müller-Westernhagen nicht mehr in der Frankfurter Festhalle spielen. Und die „Gudd Stubb“ dankte mit bester Akustik.

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          Eigentlich wollte Marius Müller-Westernhagen ja nie wieder Frankfurts „Gudd Stubb“ beehren. Zumindest unkte er vor drei Jahren noch: „In Frankfurt trete ich nicht mehr auf, bevor die nicht eine Halle bauen, die man auch beschallen kann.“ Peng! Vorangegangen war 2010 für Müller-Westernhagen ein wahres Klang-Desaster in der Festhalle.

          Jetzt war er doch wieder hier. Und anlässlich Müller-Westernhagens Version von „MTV Unplugged“ glänzte die ach so gescholtene Festhalle mit bester Akustik. Müller-Westernhagen, der am 6. Dezember seinen siebzigsten Geburtstag feiern kann, trat daher gleich im ersten Konzertdrittel die Flucht nach vorne an, als er das heikle Thema zur Sprache brachte, diplomatisch elegant um Verzeihung bat und noch trickreich hinzufügte: „Mein Ton-Ingenieur hat versprochen, dass der Sound okay ist. Sollte das nicht so sein, dann liegt es nicht an mir.“

          Als artig erwies sich auch die Besucherschar. Sie kam, verteilt auf den komplett bestuhlten Innenraum und die erste Etage, ganz dem Wunsch des Künstler nach, als kurz vor Konzertbeginn nachdrücklich eine Männerstimme aus dem Off forderte: „Marius Müller-Westernhagen und seinen Musikern käme es sehr gelegen, wenn sämtliche Mobiltelefone ausgeschaltet blieben. Sie möchten mit den Zuschauer nicht durch einen gigantischen Handy-Wald kommunizieren.“ Gesagt, getan. Nicht nur beim ersten Song „Für ’ne bess’re Welt“ blieb es angenehm Smartphone-frei, auch im weiteren Verlauf ließen sich nur einzelne Geräte Unverbesserlicher orten.

          Das volle Repertoire aus Blues, Boogie, Rock, Soul, Funk, Folk und Country.
          Das volle Repertoire aus Blues, Boogie, Rock, Soul, Funk, Folk und Country. : Bild: Michael Kretzer

          Sichtlich Mühe gab sich aber auch die mehr als ein Dutzend Akteure zählende Musikermeute samt ihrem mit riesigem Hut ausstaffierten Chef. Reduziert aufs Wesentliche, fand Müller-Westernhagen bei seinem Best-Of aus einer mittlerweile 43 Jahre währenden Karriere zurück zu seinen Wurzeln: eine rustikale Mixtur aus Blues, Boogie, Rock, Soul, Funk, Folk und Country, bei der nicht nur die derzeitige, aus Amerikanern bestehende Band Westernhagens glänzen konnte, sondern auch diverse Gäste brillierten. Herausragend war vor allem der auch von Peter Maffay und Udo Lindenberg bekannte ostfriesische Gitarrenvirtuose Carl Carlton mit seiner delikaten Bottleneck-Finesse auf Dobro- und Westerngitarre. Auch die sensiblen Parts von Violinistin Gillian Rivers und das passioniert energische Zutun von Flötist, Saxophonist und Mundharmonikaspieler Frank Mead waren viel mehr als nur schmückendes Beiwerk.

          Salbungsvolles Schnauben und Röcheln

          Müller-Westernhagen selbst zeigte sich an der Akustikgitarre sowie bei gelegentlichen Einsätzen der Mundharmonika ebenfalls nur von seiner besten Seite. Salbungsvoll schnaubte, röchelte, gurrte, krächzte, raunzte, schnurrte, röhrte und kiekste er sich durch die Klassiker „Ladykiller“, „Alphatier“ und „Sexy“. Bei Letzterem würdigte er im Mittelteil auch Jimi Hendrix mit dem vom Publikum minutenlang gesungenem Satz „With the power of soul anything is possible“. Spielte der frühere Schauspieler in den meisten seiner Songs gekonnt eine sich selbst auf den Leib geschriebene Rolle, so blieb er bei zwei Songs aus der Frühzeit autobiographisch authentisch.

          In „Taximan“ schilderte ein betrunkener Westernhagen seinen bis dahin vergeblich nach Erfolg strebenden Weg, in „Mit 18“ erinnerte er sich an seine erste Band „Harakiri Whoom“ in den späten sechziger Jahren, als er sich für britische Koryphäen wie die Rolling Stones und Humble Pie begeisterte. Westernhagen-Ehefrau Lindiwe Suttle assistierte dem Gatten in „Luft um zu atmen“. Aufbereitete Fanfavoriten wie „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“, „Es geht mir gut“, „Lass’ uns leben“ und „Wieder hier“ durften nicht fehlen. Weitere Exkursionen durch das Mississippi-Delta lieferten „Hass’ mich oder lieb’ mich“ und schon im Zugabenteil „Johnny W.“. Zum Finale beschworen Müller-Westernhagen und die Seinen das höchste Gut in schwierigen Zeiten: „Freiheit“. Er war wieder hier und verstand auf ganzer Linie zu überzeugen.

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