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Marianne Sägebrecht : „Out of Rosenheim“ nach Osthessen

Nah am Publikum: Marianne Sägebrecht in den Rängen der Bühne in der Stiftsruine Bad Hersfeld Bild: Steffen Sennewald

Marianne Sägebrecht ließ sich nach Bad Hersfeld zu den Festspielen locken. Sie spielt eine Haushälterin – fast wie im Hollywood-Film „Der Rosenkrieg“.

          Als Haushälterin Susan hat Sägebrecht zugeschaut, wie sich Michael Douglas und Kathleen Turner einen Scheidungskrieg lieferten, an dessen Ende die beiden in der Eingangshalle ihrer Villa mit dem Kronleuchter abstürzen und erschlagen wurden. „Marianne, du musst nicht so fein sprechen“, habe Regisseur Danny DeVito immer zu ihr gesagt, erinnert sich die Sägebrecht. Er wollte aus dem Englischen ihren deutsch-bayerischen Akzent heraushören.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun schlüpft die Sägebrecht wieder in die Rolle einer Haushälterin. Ein halbes Dutzend Mal wird sie Josef K. einen Geburtstagskuchen zu überreichen versuchen. Es wird ihr immer misslingen. Die bayerische Schauspielerin verkörpert in dem „Prozess“ eine gewisse mütterliche Humanität, sie möchte dem willkürlich verhafteten Josef K. helfen, auch wenn ihr die Mittel dafür fehlen.

          Helfen ist eine Konstante im Leben der Marianne Sägebrecht. Mit großer Leidenschaft engagiert sie sich seit geraumer Zeit in der Hospizbewegung, woraus ihr jüngstes Buch „Ich umarme den Tod mit meinem Leben“ entstanden ist. Zum Gespräch hat sie das Werk mitgebracht, selbstverständlich versieht sie es mit einer Widmung. Die Sägebrecht ist eine großzügige Frau, die mit beiden Händen gibt. Aus ihrer Tasche zieht sie als kleines Geschenk ein Arzneidöschen mit Stoffen für ein Entsäuerungsbad. Sie hat die Mischung eigens in der Kurbad-Apotheke in Hersfeld herstellen lassen. „Entsäuerung verhindert Rheuma und andere Gliederbeschwerden“, sagt Sägebrecht. Sie habe das bei ihrem Studium der alternativen Medizin gelernt.

          Umzug für drei Monate für eine Nebenrolle

          Warum sie es auf sich genommen hat, drei Monate nach Nordhessen zu ziehen für eine Nebenrolle? Hauptrolle, Nebenrolle – der Sägebrecht ist das egal. Sie spielt nur noch, was genau zu ihr passt. Und das „Teilen und Dienen“, das eine Haushälterin ausmacht, entspricht ihrer Seelenverfassung: „Für mich ist das die höchste Form der Reife.“ Die Figur der Frau Grubach sei ihr ganz nahe, deshalb liebe sie die Rolle.

          Die Sägebrecht hält wenig davon, wenn Darsteller sich im Theater oder Film vor allem selbst entfalten wollen. Als Schauspielerin versteht sie sich als Werkzeug des Regisseurs: „Ich bin der Malkasten, er ist der Pinsel.“ Sie kann das freilich leicht sagen, denn diese bayerische Urgewalt bleibt, was immer ein Regisseur von ihr will, etwas Besonderes, ohne dass sie das herausstreichen muss.

          Nach Hersfeld ist sie übrigens Joern Hinkels wegen gekommen. Der Intendant ist ein ganz alter Freund. Kennengelernt haben sie sich 1999 bei den Dreharbeiten zu dem Spielfilm „Ganz unten, ganz oben“. Hinkel sei damals zweiter Regieassistent gewesen, erinnert sie sich. „Nein“, fällt ihr Hinkel ins Wort: „Ich war der Fahrer.“ Er habe Sägebrecht immer zum Set transportiert. „Und wir hatten wundervolle Gespräche“, ergänzt Sägebrecht. Sie hätten sich über Gott und die Welt unterhalten.

          Geglücktes Konzert

          Zwei Jahrzehnte später, Hinkel war nun kommissarisch Intendant in Hersfeld, hat er sie angerufen und gefragt, ob sie Shakespeares „Julia“ in der Stiftsruine lesen wolle. Das Konzert mit dem Hessischen Staatskonzert und der Sägebrecht als Julia-Interpretin empfanden alle als geglückt. Dass die Sägebrecht nun ein Jahr später wieder in Hersfeld auftritt, erscheint nur folgerichtig. Und sie bereut es nicht: „Der Joern ist ein phantastischer Regisseur“, urteilt sie über den Intendanten.

          Starallüren sind der Sägebrecht fremd. Sie geht auf jeden mit einer Herzlichkeit zu, wie sie nur jemand haben kann, der in sich ruht. Die mittlerweile Dreiundsiebzigjährige trägt ihr Herz auf der Zunge, sie wirkt weiterhin wie das sprühende Leben, steckt immer noch voller Ideen und Tatendrang. Nächstes Jahr wird sie nach Surinam reisen. Surinam? Das ist eine Art Lebenstraum für sie. Als Kind zog sie, nachdem der Vater im Krieg gefallen war, mit ihrer Mutter zum Großvater, der eine Gärtnerei betrieb und ihr vom Urwald in Surinam erzählte. Wo das liegt, wusste sie nicht so genau, doch sie wollte unbedingt dorthin. Damals packte sie ein kleines Paket mit ihrem Spielzeug-Bären und einem Brief an den Bürgermeister von Surinam und schickte es im Dorfbach als eine Art Flaschenpost auf die Reise. Eine Antwort blieb natürlich aus. Trotzdem behielt sie Surinam immer im Herzen. Und nun reist sie sieben Jahrzehnte später tatsächlich dort hin. Nun mit einem Filmteam als Begleitung. Vielleicht erfahren wir bald im Kino oder im Fernsehen etwas über ihr Traumland.

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