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Marc Sommer : Dirigent im Textil-Biotop

Will längerfristig in der Chefetage von Hess Natur arbeiten: Marc Sommer Bild: dpa

Auf dem Weg in sein Büro in Butzbach muss Marc Sommer stets an Aushängen vorbei, die wenig schmeichelhaft für ihn sind. Gleichwohl strebt er einen längerfristigen Aufenthalt in der Chefetage von Hess Natur an.

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          Auf dem Weg in sein Büro in Butzbach muss Marc Sommer stets an Aushängen vorbei, die wenig schmeichelhaft für ihn sind: Am schwarzen Brett sind unter anderem aus dem Internet gefischte Artikel von Autoren, die es mit dem neuen Mann in der Chefetage von Hess Natur gar nicht gut meinen. Sommer, von Haus aus Dirigent und Sohn eines Cellisten, tritt in der Wetterau als Generalbevollmächtigter des Finanzinvestors aus der Schweiz auf, der den deutschen Ökomode-Marktführer gekauft hat. Das kontrastiert mit dem Gefühl vieler Hess-Mitarbeiter, in einem Biotop zu arbeiten. Zudem hat der neue Besitzer Capvis binnen weniger Wochen in mindestens zwei Fällen anders gehandelt, als er geredet hat.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Juni hatte Capvis beteuert, mit den Geschäftsführern Wolf Lüdge und Maximilian Lang weitermachen zu wollen. Doch im August wurde Lüdge zum Entsetzen von Belegschaft und Betriebsrat geschasst. Sommer werde Vorsitzender des neuen Beirats bei Hess Natur, aber nicht „operativ tätig“, hatte der Eigentümer zuerst mitgeteilt - betraute ihn aber sechs Wochen später mit den Aufgaben von Lüdge. Kommissarisch, wie es hieß. Der Generalbevollmächtigte weiß: „Ich bin in einem Kontext hier hergekommen, der für die Belegschaft negativ war.“ Nun aber will er, wie er sagt, die Belegschaft beruhigen und den Versender inhaltlich nach vorne bringen.

          Bei Bertelsmann begonnen

          Der plakative Protest am schwarzen Brett erklärt sich mit der beruflichen Vergangenheit des Generalbevollmächtigten. Sommer, der nach dem Wirtschaftsstudium 1992 seine berufliche Laufbahn bei Bertelsmann begonnen hatte, saß von 2006 bis 2010 im Vorstand der in die Insolvenz gerutschten Karstadt-Muttergesellschaft Arcandor. Zu den Arcandor-Tochterfirmen zählte auch die Hess Natur Textilien GmbH. Deren Gründer Heinz Hess hatte den Handel mit Textilien aus chemisch unbehandelten Naturfasern von 1976 an entwickelt. Die 330 Kräfte starke Firma wirbt zudem mit hohen ethischen Standards. Zu Recht, wie die Stiftung Warentest 2010 befand: „Echtes starkes Engagement für Mitarbeiter und Umwelt zeigt allein Hess Natur.“

          Sommer meint angesichts dessen: „Hess Natur ist aus zweierlei Gründen ein außergewöhnliches Unternehmen mit ganz viel Potential.“ Öko-Textilien seien auf dem Weg aus der Nische in breitere Bevölkerungsschichten hinein. Dies zeige sich am nachhaltigen Trend des kritischen Umgangs mit der Frage, wo die Ware herkomme und wie sie hergestellt werde. Gleichzeitig gewinne das Internet im Handel an Bedeutung - da sei Hess Natur als Versender mit Webshop gut aufgestellt.

          „Finale Klärung“ bis Oktober

          Aus dieser Position heraus im Sinne des Finanzinvestors eine Wachstumsgeschichte zu schreiben und Hess Natur neue, jüngere Käufergruppen zu erschließen, die nicht in der „Bio-Ecke“ stehen, reizt den dreifachen Vater. Hinzu kommt ein persönlicher Grund: Vor kurzem 50 Jahre alt geworden, habe er sich gefragt, was er nach 20 Jahren in Großkonzernen die nächsten zehn bis 15 Jahre machen wolle. Nochmals habe er nicht für einen Konzern arbeiten wollen. Er habe vor der Wahl gestanden, „entweder eine Firma zu gründen oder eine kleine Struktur zu kaufen, in der die Fremdbestimmung stark reduziert ist“. Bisher ist zwar weder das eine noch das andere geschehen - denn an dem Capvis-Fonds, der Hess Natur gekauft hat, ist er nicht beteiligt, wie er sagt. Doch der Eigentümer will, wie er schon angekündigt hat, der Geschäftsführung Anteile an Hess Natur geben. Und Sommer, der zwischen seinem Wohnort im Ruhrgebiet und Butzbach pendelt, strebt in die Chefetage: Er wolle unternehmerisch tätig sein. Dass er nicht gleichzeitig den als eine Art Aufsichtsgremium gedachten Beirat leiten könne, sei klar. Bis Oktober gebe es eine „finale Klärung“.

          Seine Dirigentenausbildung begreift Sommer als gute Grundlage, eine Firma zu führen. „Der Dirigent spielt ja selbst nicht, sondern muss jeden Orchestermusiker zur Höchstleistung bringen und alle zum Zusammenspiel bringen.“

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