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Marburg : Flop mit Partikeltherapie: Krebsforscher geht

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Hochmodern, teuer, aber bisher nur für Forschungszwecke eingesetzt: Partikeltherapieanlage in Marburg Bild: Rüchel, Dieter

Aus Kostengründen steht in Marburg eine Anlage zur Krebsbehandlung still. Kein einziger Patient wurde damit behandelt. Der Institutsdirektor hat nun genug - und geht. Der Ärger zwischen Land und Klinikbetreiber geht weiter.

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          Der Streit um eine millionenschwere und noch nie benutzte Anlage zur Krebsbehandlung an der Marburger Uni-Klink geht weiter. Der Direktor des bislang gescheiterten Krebstherapiezentrums, Jochen Dahm-Daphi, verlässt nach das Institut zum 1. November, wie es in einem Medienbericht heißt. Er habe gegen die Hochschule klagen wollen, sich dann aber doch außergerichtlich geeinigt. Eine Uni-Sprecherin sieht die Zusammenarbeit mit dem Strahlenbiologen dagegen noch nicht beendet: Die komplexen Verhandlungen liefen noch. Dahm-Daphi war für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar.

          Bei dem über 100 Millionen Euro teuren Leuchtturm-Projekt sollte in einem aufwendigen Verfahren mit einer Ionenstrahl-Kanone Krebs behandelt werden. Forscher erhoffen sich davon neue Behandlungserfolge. Die Partikeltherapie gibt es ansonsten nur in zwei Zentren in Japan und in einem in Heidelberg.

          Schwester-Anlage in Kiel abgebaut

          Fachmann Dahm-Daphi war vor eineinhalb Jahren von Hamburg an die Philipps-Universität gewechselt. Doch er konnte nie richtig mit seiner Arbeit beginnen. Die Anlage der Firma Siemens ist nach wie vor im Zustand einer Forschungs- und Testanlage, Patienten wurden nicht behandelt - aus Kostengründen. Eine Schwester-Anlage in Kiel wurde deswegen bereits wieder abgebaut.

          Der private Klinikbetreiber, die Rhön-Klinikum AG, entschied sich aus wirtschaftlichen Gründen gegen das kostspielige Projekt. Denn: Es können nicht wie ursprünglich vorgesehen 2500 Patienten pro Jahr behandelt werden, sondern nur etwa 1000. Derweil verbraucht das hochmoderne Zentrum im Betrieb so viel Strom wie eine Kleinstadt. Deswegen gab der Klinikbetreiber die Anlage an Siemens zurück.

          „Das ist alles enorm frustrierend. Wir könnten hier Weltspitze sein“, beklagt Dahm-Daphi laut Zeitung. Für den Krebsforscher ist das Zentrum „ein Beispiel, wie etwas eklatant schieflaufen kann, wenn man auf Privatisierung setzt“. In Heidelberg, wo 450 Patienten behandelt würden, werde die Finanzlücke von der öffentlichen Hand getragen.

          Rhön: Lösung noch möglich

          Das Land Hessen hatte die Universitätskliniken Gießen und Marburg im Jahr 2006 zu 95 Prozent an die Rhön-Klinikum AG verkauft. Es war die erste und bislang einzige Klinkprivatisierung in Deutschland.

          Im Februar hatte das Wissenschaftsministerium in Wiesbaden dem Klinikbetreiber eine Frist bis Jahresende gesetzt. Bis dahin müsse ein Betriebskonzept vorliegen. Schließlich habe er sich vertraglich verpflichtet, die Anlage bis Jahresende zu errichten und zu betreiben. Leider sei der Betreiber trotz vieler Gespräche dabei geblieben, dass ein wirtschaftlicher Betrieb nicht möglich sei, kritisierte Ministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU). Sollte sich die Rhön AG weiter querstellen, will das Land die veranschlagten 107 Millionen Euro nachträglich als Teil des Kaufpreises einfordern. Der Klinikbetreiber teilte am Mittwoch mit, es sei möglich, noch eine Lösung für das Problem zu finden.

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