https://www.faz.net/-gzg-83mcm

Manufakturen in der Region : Reiseleitung zu Handgemachtem

Für Mitläufer: Susanne Stahl betätigt sich in ihrem Büchlein als Reiseführerin zu Manufakturen in der Region. Bild: Max Kesberger

Massenproduktion und globale Arbeitsteilung beherrschen die Warenwelt. Doch es gibt sie noch, die Frauen und Männer, die in Handarbeit Dinge herstellen. Designerin Susanne Stahl verrät in einem Buch, welche in der Region zu finden sind.

          3 Min.

          Man darf die Massenproduktion nicht verteufeln. Die meisten Dinge, an die man sich im täglichen Leben gewöhnt hat, könnte sich das Gros gar nicht leisten, wenn es eben die arbeitsteilige Herstellung und die Massenproduktion nicht gäbe. Wäre man etwa nicht überall dem Beispiel Henry Fords und der Fließbandproduktion seiner „Tin Lizzy“ gefolgt, würden heute die wenigsten Leute ein eigenes Auto fahren können, es wäre für sie schier unerschwinglich.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Trotz des Siegeszuges der Massenproduktion oder womöglich gerade deshalb scheint die Begeisterung für das handgefertigte Einzelstück heute größer denn je. Dieser Begeisterung will Susanne Stahl mit ihrem kleinen Buch „Handgefertigt! Manufakturen in Frankfurt und Umgebung“ Rechnung tragen.

          Die Toten Hosen und ZZ Top als Kunden

          Die Idee zu einem solchen Manufakturen-Reiseführer war für Stahl naheliegend, denn sie betreibt selbst seit 2006 an der Brückenstraße in Frankfurt ein Geschäft, in dem es vor allem handgemachte Dinge von Designern aus Frankfurt und Umgebung zu kaufen gibt.

          Dreißig dieser kleinen Betriebe, meistens Ein-Frau- oder Ein-Mann-Unternehmen, hat Stahl besucht. Gut, mit Schuhmachern, Maßschneidern und Goldschmieden rechnet man vielleicht noch in Frankfurt und Umgebung. Dass sich hier aber auch ein Mann findet, der Musikgruppen wie Die Toten Hosen, die amerikanische Bluesband ZZ Top und die Musiker von BAP aus Köln mit handgefertigten Röhrenverstärkern versorgt, hätte man nicht unbedingt vermutet. Thomas Reußenzehn heißt der Mann, der die Röhrentechnik in perfektionierter Form nicht nur in Gitarrenverstärkern, sondern auch in HiFi-Anlagen verbaut und in seiner Frankfurter Röhrenmanufaktur verkauft. 1250 Euro verlangt Handarbeiter Reußenzehn beispielsweise für das Einstiegsmodell eines Röhren-Stereo-Verstärkers.

          Papierkunst fernab von Origami

          Ein weiterer Gang mit Designerin Stahl führt zu Christian Müller und seinen Golemobjekten in Dreieich. Dahinter verbergen sich dekorative Objekte, die kunstvoll aus Papier hergestellt werden. Das kann beispielsweise ein – etwas kleiner – auferstandener Frankfurter Henninger Turm sein. Der Clou bei vielen der Müllerschen Werken: Er entwirft sie als kinetische Kunst. Das heißt, dass sie erst in der Bewegung die ästhetische Wirkung entfalten, die Müller beabsichtigt.

          Die Antriebsenergie liefert dabei die Hitze einer Kerze. Müller folgt dabei dem Prinzip der bekannten Weihnachtspyramiden. Die Ausstrahlung der Objekte des Frankfurter Papierkünstlers ist aber glücklicherweise eine ganz andere. Neben solchen bewegten Objekten fertigt Müller beispielsweise Tierköpfe aus Papier, die wie Jagdtrophäen an die Wand zu hängen sind – ohne dass zuvor auch nur ein Schuss abgegeben werden muss. Das gleichermaßen freundlich wie kraftvoll wirkende Breitmaulnashorn sei sein Lieblingsstück, sagt Müller.

          Individuelle Tagebücher

          Zum hessischen Klassiker: Wenn es um Handwerk in Rhein-Main geht, darf der Bembel nicht fehlen. Die Töpferei Maurer in Frankfurt fertigt ihn seit nunmehr 40Jahren. Monika Maurer war Musiklehrerin, bevor sie sich dem Handwerk zugewandt hat, aus Westerwälder Steinzeug und Kobaltoxid die traditionsreichen Gefäße herzustellen. Maurer gewinnt dem klassischen Werkstoff aber auch ganz neue Formen und Verwendungen ab. So hat sie unlängst ein Messgeschirr für eine Frankfurter Kirchengemeinde gefertigt.

          Sicher, Notiz-, Gäste- und Tagebücher gibt es inzwischen auch für kleines Geld in vielen Formen und Farben – meist aus chinesischer Massenproduktion. Ein mit Leder oder mit japanischem Papier ausgestattetes Buch, das nach individuellen Wünschen entsteht, treibt man dagegen nicht so leicht auf. Manufakturführerin Stahl schickt ihr Lesepublikum deshalb nach Frankfurt zu Adlibitum. Die gelernte Buchbinderin Anke Schmidts fertigt hier in Handarbeit von A bis Z derlei Bücher. Daneben stellt sie auch Karten aller Art her.

          Flipflops ganz ohne Kunststoff

          Es seien die einzigen Schuhe, die ihren Namen aussprechen könnten, hat der Schriftsteller, Rezitator und Schauspieler Harry Rowohlt einmal über Flipflops gesagt. Ob die von Hutschen’s Handmade das auch können, ist offen. Jedenfalls unterscheiden sich die Manufaktur-Flipflops schon im Material erheblich von denen, mit denen sich Rowohlt unterhält.

          Für gewöhnlich handelt es sich um dünne Schaumgummisohlen, deren Plastikbügel über den Spann laufen und zwischen dem großen und zweiten Zeh (oft schmerzhaft) wieder in der Sohle enden. Für ihre Manufaktur-Flipflops nimmt Nicole Hutschenreuter statt Kunststoffen pflanzlich gegerbtes Leder. Hält man sich die Ausdunstungen von Kunststoff-Flipflops vor Augen und Nasen, ist umso mehr nachvollziehbar, dass sich Hutschenreuter von Autorin Stahl mit dem Satz zitieren lässt, dass sie der Geruch von Leder glücklich mache.

          Weitere Themen

          Mord ohne Leiche

          Prozessauftakt in Gießen : Mord ohne Leiche

          Die Leiche ist bis heute nicht gefunden. Dennoch geht die Staatsanwaltschaft von einem Mord aus. In Gießen will sie nun zwei mutmaßliche Entführer einer Tat aus dem Jahr 2016 überführen.

          Topmeldungen

          Einheitliche Regeln : Bundestag stimmt Corona-Notbremse zu

          Ausgangsbeschränkungen ab einer Inzidenz von 100, Schulschließungen ab 165 und einheitliche Regeln für den Einzelhandel: Die „Bundesnotbremse“ ist beschlossen. 8000 Menschen demonstrieren nahe der Abstimmung gegen die Corona-Maßnahmen.
          Wladimir Putin bei seiner Rede der Nation in einem Veranstaltungszentrum am Moskauer Kreml am Mittwoch

          Putins Rede an die Nation : „Wer Russland bedroht, wird das bereuen“

          In seiner Rede zur Lage der Nation schweigt Präsident Putin zu seinem Widersacher Nawalnyj und beklagt das angeblich russophobe Verhalten des Westens. Wer Brücken abreißen wolle, müsse mit einer harten Antwort rechnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.