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Oper Frankfurt : Zwei Herren deuten Puccini neu

Vereint in ihrer Interpretation: Àlex Ollé (links) und Dirigent Lorenzo Viotti machen aus Manon ein Flüchtlingsschicksal. Bild: Wolfgang Eilmes

Regisseur Àlex Ollé und Dirigent Lorenzo Viotti sehen in „Manon Lescaut“ Bezüge zur Gegenwart und inszenieren die Protagonistin als illegale Migrantin. Auch den Komponisten Puccini möchten sie in ein neues Licht rücken.

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          Der Roman des Abbé Prévost um einen Theologiestudenten aus gutem Hause, der durch seine kostspielige Liebe zu einer Frau einen gesellschaftlichen Abstieg erlebt, ist bei seinem Erscheinen 1731 ein Skandal gewesen. Heute aber wirke seine „Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut“ wie eine „moralische Belehrung“, findet Àlex Ollé. Daher habe er überlegt, wie man die Geschichte, die Jules Massenet 1884 und Giacomo Puccini 1893 ganz unterschiedlich für die Opernbühne umarbeiteten, „zu uns holen kann“: „Wer ist Manon heute?“ Das fragte sich der 1960 geborene katalanische Regisseur, der seit vielen Jahren zur Künstlergruppe La Fura dels Baus gehört, die mit ihren spektakulären Inszenierungen für Aufsehen sorgt. Nun wird Puccinis „Manon Lescaut“ morgen in Ollés Inszenierung Premiere an der Oper Frankfurt haben. Als er das Libretto, an dem sich über Jahre hinweg insgesamt sieben Autoren verschlissen, zum ersten Mal gelesen habe, habe ihn der Schluss mit Manons Deportation nach Amerika auf eine Idee gebracht: Sie soll demnach nun als „Illegale“ gezeigt werden, als Migrantin ohne Papiere, die in ihr eigenes Land zurückgeschickt wird.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aus welchem Land sie genau komme, bleibe offen, aber sie sei sehr jung, gerade 18 Jahre alt, und in Europa „auf der Suche nach Freiheit und einem besseren Leben“. Sie sei zudem sehr attraktiv und wisse ihre anziehende Wirkung auf Männer auch zu nutzen, erläutert Ollé, der an der Oper Frankfurt mit der Doppelproduktion von Claude Debussys „La damoiselle élue“ und Arthur Honeggers „Jeanne d’Arc au bûcher“ 2017 sein Debüt gab. Manons Vorgeschichte werde dazu in einem Video gezeigt: wie sie die Grenze überquere und dann illegal in einer Näherei arbeite. Ihre in einfachen Verhältnissen lebenden Eltern forderten sie mit einer E-Mail auf, nach Hause zurückzukommen und beauftragten ihren Bruder, sie zu holen.

          Aktualität statt Opportunismus

          So ist Manon also anfangs in Begleitung ihres Bruders auf dem Weg zurück in die Heimat und nicht, wie im Original, auf dem Weg ins Kloster. Am Bahnhof verliebt sich der Student Des Grieux in sie. Allerdings wird auch der alte Geronte auf sie aufmerksam, der dort öfters Frauen aufliest und in Ollés Deutung eine Art Zuhälter ist. Der zweite Akt ist so samt Poledance in einem Nachtclub angesiedelt. Des Grieux, der Manon „fast abhängig“ liebt, den sie aber für Geronte verlassen hat, macht sie dort ausfindig. Ehe sie fliehen können, zeige Geronte sie jedoch bei der Polizei an. Der vierte Akt mit Manons Tod in der Wüste könne so verstanden werden, dass das Paar noch einen zweiten Anlauf unternimmt, nach Europa zu gelangen. Der ganze Kreislauf könnte noch einmal von vorne beginnen. Dazu wird im Bühnenbild von Alfons Flores in haushohen Lettern zu lesen sein: „LOVE“.

          Er habe das Thema der Migration nicht gewählt, weil es gerade opportun sei, sondern weil es immer aktuell sei, stellt Ollé klar. Tatsächlich existierten „auch heute viele Manons“, pflichtet der italienische Gastdirigent Lorenzo Viotti bei und deutet dazu von der Oper Frankfurt aus zum benachbarten Bahnhofsviertel. Auch derzeit durchquerten Menschen Wüsten und Meere und viele stürben dabei. Puccini habe realitätsnah Geschichten erzählt, und seine dritte Oper, sein erster großer Erfolg, sei reinster Verismo. Mit Kitsch habe das nichts zu tun, wendet sich Viotti gegen entsprechende Vorurteile. Puccini sei überhaupt zu Unrecht ein wenig respektierter Komponist.

          Für ihn als Dirigenten gelte es, traditionell falsche Meinungen zu entkräften. So sei der Orchestersatz von Puccini keineswegs „dick“ komponiert, wie oft behauptet werde, sondern transparent und „extrem leicht“. Alles finde sich in den Vortragsanweisungen, bis hin etwa zur Forderung eines vierfachen Pianos in der Harfe, erläutert der Sohn des 2005 gestorbenen Dirigenten Marcello Viotti. Dass der Liebe zwischen Manon und Des Grieux in der Oper die größte Bedeutung zukommt, sieht er ebenfalls schon in der Partitur angelegt. So komme den Figuren erst eine jeweils eigene rhythmische Struktur und bevorzugte Tonart zu, die sie dann aber zum Schluss hin tauschten. Des Grieux singe Melodien, wie sie zuvor Manon gesungen habe und umgekehrt.

          Die Premiere beginnt in der Oper Frankfurt am Sonntag, 6. Oktober um 18 Uhr. Weitere Vorstellungen am 10., 13., 18., 25. und 27. Oktober.

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