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Urteil nach 12 Jahren : Mit Beute aus Banküberfall Grab finanziert

Das Gericht wertete das Geständnis sowie das Vorgehen als strafmildernd. Bild: dpa

Vor 12 Jahren überfällt ein junger Mann eine Bank. Nun steht der Räuber von einst vor Gericht und erklärt: Um Luxus ginge es ihm gar nicht.

          Der 15. Februar 2007 muss ein Tag gewesen sein, an dem bei Vadym O. alles aussetzte. Vor allem seine Fähigkeit, klar zu denken. Bis dahin hatte der junge Mann, er war 22 Jahre alt, alles richtig gemacht. Er war daheim in der Ukraine elf Jahre lang brav in die Schule gegangen und hatte seinen Abschluss gemacht. Er hatte ein Studentenvisum beantragt, wollte in Frankfurt Wirtschaftswissenschaften studieren und hatte dafür Deutsch gelernt. Ein fleißiger junger Mann war O., der etwas erreichen wollte im Leben. Einer, der das Herz am richtigen Fleck hatte.

          Anna-Sophia Lang

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dann starb im Sommer 2006 sein Vater. Der Mann, den O. vor Gericht als Identifikationsfigur beschreibt, fast schon als Idol. Er starb an Krebs mit gerade mal 43 Jahren, weil er beim Reaktorunglück von Tschernobyl einer der ersten Polizisten am Ort des Geschehens war. Ohne jeglichen Schutz waren er und seine Kollegen der radioaktiven Strahlung ausgesetzt. Für seinen Sohn war er ein Held in doppelter Hinsicht. Doch nach seinem Tod hatte die Familie nicht die Mittel, um ein würdiges Grabmal zu errichten, wie es in der Ukraine Brauch ist. 4000 Euro sollten der Stein mit dem Bild des Vaters und die Fliesen drumherum kosten. Geld, das O. nicht hatte.

          10.000 Euro Beute

          Und so kam es, dass er an jenem 15. Februar 2007, den er „den unglückseligen Donnerstag“ nennt, eine Sparkassen-Filiale in Oberrad überfiel. 10.000 Euro erbeutete er bei zwei Mitarbeiterinnen. Er hielt dabei eine Spielzeugpistole in der Hand, die er bei seinem Nebenjob als Wohnungsentrümpler mitgenommen hatte. Wie viel Geld die Frauen ihm gaben, habe er nicht gewusst, sagt O. am Mittwoch bei Gericht. „Ich war im Nebel, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.“ Die Tat sei ein verzweifelter, spontaner Entschluss gewesen, nachdem er zufällig an der Bank vorbeigegangen war. Deshalb habe er auch weder Handschuhe noch eine Maskierung getragen.

          Zwei Tage später reiste er zurück in die Ukraine. Bis November 2018 lebte er trotz europäischen Haftbefehls in Freiheit. Dann wurde er in Polen festgenommen. Er war auf dem Weg nach Deutschland, um sich zu stellen. Zusammen mit seiner Mutter hatte er davor einen Strafverteidiger in Frankfurt kontaktiert. „Mein Mandant ist sehenden Auges hierhergekommen“, sagt dieser nun vor Gericht, nachdem der Angeklagte sämtliche Vorwürfe eingeräumt hat. „Er wusste, dass er ins Gefängnis kommt.“

          Ein ungewöhnlicher Tag bei Gericht

          Die Kammer schaut sich Fotos vom Grab des Vaters an, verliest seine Sterbeurkunde und ein Attest. Es ist ein ungewöhnlicher Tag bei Gericht. Schon nach zwei Stunden schließt die Vorsitzende Richterin die Beweisaufnahme. Aber Vadym O. ist auch kein gewöhnlicher Bankräuber. Er ist anders als die, die hier normalerweise sitzen. Keine Alkohol- und Drogen-Vorgeschichte, gute familiäre Verhältnisse, ein fester Job. Seine Frau ist aus der Ukraine hergereist für den Prozess, die zwei Kinder hat sie daheim gelassen. Von seiner weiß sie schon länger. Sie wollte ihn deswegen verlassen, aber entschied sich dann, zu ihm zu stehen.

          An diesem Tag muss sie mit ansehen, was die Tat ihres Mannes für die Bank-Mitarbeiterinnen bedeutet hat. Eine, die schon zwei Mal davor überfallen wurde, orientiert sich nach langer Krankheit und Therapien derzeit beruflich komplett neu. Eine andere hatte über Jahre hinweg Albträume. Allein die Kundin, die an einem der überfallenen Schalter stand, hatte nach der Tat keinerlei Probleme. Auch, weil Vadym O. ohne Geschrei oder Gewalt vorging: „Keine Angst, dir passiert nichts“, hatte er zu ihr gesagt.

          Das Gericht verurteilt den heute Vierunddreißigjährigen zu drei Jahren und zwei Monaten Freiheitsentzug und der Einziehung der geraubten 10.000 Euro. Sein Geständnis, seine offensichtliche Reue und sein vergleichsweise sanftes Vorgehen wertet es als strafmildernd – genau wie sein Motiv: „Es ging ihm nicht um Luxus.“

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