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: Mangel an Applaus

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Heinz Riesenhuber ist die Ausnahme. Er lernte die Welt der Unternehmen von innen kennen, ehe er sich der Politik verschrieb. Und auch als Politiker blieb er ein Bindeglied zwischen beiden Sphären, die Zahl seiner Mandate in Aufsichts- und Beiräten ist groß.

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          Heinz Riesenhuber ist die Ausnahme. Er lernte die Welt der Unternehmen von innen kennen, ehe er sich der Politik verschrieb. Und auch als Politiker blieb er ein Bindeglied zwischen beiden Sphären, die Zahl seiner Mandate in Aufsichts- und Beiräten ist groß. Mancher in der achtundsechziger Tradition beklagt ein solches Phänomen als Zeichen unzulässiger Vermischung zwischen staatlichem und unternehmerischem Handeln, doch der neue Bundestagspräsident Lammert wußte, wovon er sprach, als er bei Riesenhubers 70. Geburtstag im Römer sich mehr solche menschlichen Transmissionsriemen zwischen Wirtschaft und Politik wünschte.

          Schwieriger wird die Wechselbeziehung, wenn ein langjährig erprobter Politiker in ein Unternehmen wechselt. Und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Zum einen wird ein solcher Rollentausch von einem gewissen Mißtrauen begleitet, drängt sich manchem der Verdacht auf, da könnte jemand aufgrund persönlicher Kontakte "etwas deichseln", er könnte vorgeschriebene legale Wege des Verwaltungshandelns im Sinne seines neuen Auftraggebers kanalisieren oder in Kenntnis handelnder Personen Entscheidungen absprechen, ehe sie auf die demokratisch festgelegten Verfahrungswege geraten.

          Zum anderen erwartet den Politiker in einem Unternehmen der eine oder andere Praxisschock. War er zuvor Oberbürgermeister oder Landrat, werden er und seine Familie plötzlich mit lauter freien Wochenenden konfrontiert. Zählt dies noch zu den angenehmeren Begleiterscheinungen, herrscht für beifallgewohnte Politiker in wirtschaftlichen Führungspositionen plötzlich ein schrecklicher Mangel an Applaus. Zwar kann es auch erholsam sein, die Zeitungen morgens nicht in der Furcht aufzuschlagen, man werde kritisiert, eines Fehlers überführt oder nur ungünstig fotografiert. Aber man steht eben überhaupt nicht mehr in der Zeitung. Und das schmerzt, denn man wird selten Politiker, wenn man nicht auch die Bestätigung sucht.

          Plötzlich haben dann die Oberbürgermeister und Landräte auch einen Aufsichtsratsvorsitzenden. Und Kollegen im Vorstand oder in der Geschäftsführung. Dem einen müssen sie folgen, mit den anderen ihre Macht teilen. Nun meldete sich im Politikerleben der "Aufsichtsrat" mit der Stimme des Wahlvolkes zu Wort, doch das war nur alle vier bis sechs Jahre.

          Dann wäre da noch die Unternehmenskultur. Politiker sind an Streit gewöhnt, auch an offene Worte. Plötzlich geraten sie vielleicht in ein - je nach Branche und Firma unterschiedlich ausgeprägtes - Klima von Duckmäusertum und Leisetreterei, in dem man sich erst zu lachen getraut, wenn auch der Chef die Mundwinkel bewegt. Da mag sich mancher Ex-Politiker fragen, ob Geld wirklich so schön ist und ihm der Spaß an der Macht nicht dringend fehlt. Es bleibt eben schwierig zwischen den Sphären der Politik und der Unternehmen. Aktuelle Beispiele darf man mit Spannung abwarten. PETER LÜCKEMEIER

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