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Schule in Hessen : Kreatives Schreiben

Korrektoren ihrer selbst: Nach zwei Jahren Schreiben nach Lautempfindung lernen die Schüler Rechtschreibregeln. Bild: Imago

Mehr als 50.000 hessische Kinder stehen vor der Einschulung. Manche werden nie richtig schreiben lernen. Schuld daran ist nach Meinung vieler Eltern eine verfehlte Reformpädagogik.

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          In den nächsten Tagen wird es wieder in den Aulen und Turnhallen der hessischen Grundschulen erklingen. Das Lied, mit dem die älteren Schüler die Erstklässler begrüßen: „Alle Kinder lernen lesen - Indianer und Chinesen. Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos - Hallo, Kinder jetzt geht’s los!“ Dass alle Kinder auch richtig schreiben lernen, ist hingegen längst nicht gesagt. Zumindest nicht, wenn sie in Hessen zur Schule gehen, wo vielerorts nach der umstrittenen reformpädagogischen Methode „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wird.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Ergebnisse des „lautgerechten Schreibens“ kann jeder nachvollziehen, der einen Blick in Schulhefte wirft. „In den färin wanwi in tschpanin“, ist im Urlaubsbericht eines Drittklässlers zu lesen. Erfahrene Grundschuleltern wissen, was zu tun ist: Laut lesen, dann erschließt sich der Sinn - der Junge hat offenbar einen Spanienurlaub hinter sich. Funktioniert auch bei diesem Aufsatz eines Zweitklässlers: „Unterweks Sen wir einen kleiber der di Strseflikt mit einen Sok in Schnabeltäkt. Umein Nst zu bauen Um mit sänerfauzubruten. NaCH wenigntagn schLuPfen si. es Getinen guu Siwetenefütert.“ Das Vogelpaar baut ein Nest, die Küken schlüpfen, es geht ihnen gut, weil sie gefüttert werden.

          Regeln hemmen die Kreativität

          Die Methode „Lesen durch Schreiben“ geht zurück auf den 2009 verstorbenen Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen. Er war der Meinung, dass Schüler umso besser lernen, je weniger sie belehrt werden. Kinder seien in der Lage, sich die Schriftsprache selbst anzueignen, so wie sie zuvor auch laufen und sprechen gelernt hätten. Als Hilfsmittel entwickelte Reichen dazu die Anlauttabelle. Sie zeigt Bilder, etwa ein F wie Fisch, ein T wie Tasse und ein Ü wie Überholverbot. Mit dieser Tabelle sollen sich die Erstklässler die Laute, die sie zum Schreiben eines Wortes brauchen, selbst zusammensuchen.

          Orthographische Regeln spielen dabei erst einmal keine Rolle, sie hemmen nach reformpädagogischer Ansicht die Kreativität. Die Grundschulen, die dieser Lehre folgen, weisen die Eltern von Erstklässlern nachdrücklich darauf hin, dass sie Fehler nicht verbessern sollen, denn das werde ihre Kinder verwirren, vielleicht sogar entmutigen und zu Angst vor dem Schreiben führen. Anita Spanuth, deren Tochter am Dienstag eingeschult wird, kennt solche Warnungen. Auf dem Informationsabend der Grundschule wurde klargestellt, dass erst nach der zweiten Klasse Rechtschreibfehler korrigiert werden.

          Die Mutter aus Obertshausen sieht das mit Skepsis. „Wenn meine Tochter Fuchs mit x schreibt, kann ich doch nicht sagen: Das hast du aber toll gemacht.“ Darüber habe sie mit der Sechsjährigen auch gesprochen. Zusammen hätten sie sich gegen das Verbesserungsverbot entschieden. „Sie weiß, dass sie mit uns üben muss.“

          Lieber wäre es der Familie gewesen, die Tochter könnte auf eine Schule gehen, in der konventionell mit Fibel und korrekter Rechtschreibung unterrichtet wird. Eine solche gibt es in Obertshausen auch, allerdings liegt der Wohnort der Familie in einem anderen Bezirk. Dass jede Schule in einer so zentralen Frage nach eigenem Gusto unterrichten darf, kann Spanuth nicht verstehen. Das Nebeneinander führe zu weiteren Problemen, etwa im Schülerhort, den Kinder beider Schulen besuchten. Die Erzieher verlören den Überblick, welches Kind sie bei den Hausaufgaben korrigieren sollen und welches nicht.

          Probleme oft nach der Grundschule

          Informationen darüber, wie viele Schulen in Hessen mit Anlauttabelle unterrichten und wie viele klassisch mit Fibel, gibt es nicht. Das Kultusministerium, das sonst jede Lehrerstelle und Unterrichtsstunde auf die Nachkommastelle genau erfasst, kann keine Auskunft geben. Die Schulen müssten über pädagogische Fragen selbst entscheiden, sagt ein Sprecher. Zu den Konsequenzen für die spätere Rechtschreibkompetenz äußert er sich entspannt. Das, was in der ersten und zweiten Klasse möglicherweise an Defiziten entstehe, werde später nachgeholt.

          Da sind sich die Eltern, aber auch viele Lehrer nicht so sicher. Alexandra Schaefer unterrichtet Deutsch und Englisch an der Leibnizschule, einem Gymnasium in Offenbach. Sie erkenne bei Fünftklässlern recht schnell, mit welcher Methode sie Schreiben gelernt hätten. Diejenigen, die immer noch nach Gehör und ohne Bewusstsein von Regeln schrieben, seien überrascht, wenn sie verbessert würden. Manche Kinder machten in einem kurzen Diktat von 150 Wörtern 50 Fehler. Teilweise sei es inzwischen schwer, echte Fälle von Legasthenie von Rechtschreibschwächen abzugrenzen, die aus fehlender und falscher Übung resultierten.

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