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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Mama Maria und ihre Kinder, die keine Kindheit hatten

Mahlzeit: Pflegemutter Maria Losynska im Kreise ihrer Schützlinge in Kiev, sie arbeitet für den den Verein „Our Kids“ Bild: Helmut Fricke

Maria Losynska arbeitet als Pflegemutter im Heim „Our Kids“ in Kiew. Mit ihrem Mann hat sie dort mehr als 20 Kindern ein Zuhause geboten. Jetzt ist er gestorben – aber sie will allein weitermachen. „Für die Kinder.“

          Maria Losynska hat die Welt gesehen. Sie ist viel gereist, hat mit ihrem Mann sechs Jahre in Portugal gelebt, als Ökonomin gut verdient. Eigentlich müsste sie nicht mehr arbeiten. Eigentlich hat sie das Rentenalter schon so gut wie erreicht. Aber Maria hat sich für ein anderes Leben entschieden. Bescheidener als zuvor. Und arbeitsreicher. Feierabend gibt es für sie nicht. Tag und Nacht ist sie für sechs Kinder da, die sie wie ihre eigenen angenommen hat. Maria arbeitet als soziale Mutter für den Verein „Our Kids“, der sich in Kiew um vernachlässigte Kinder kümmert. In diesem Jahr sammelt diese Zeitung im Rahmen der Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“ für den Verein, der seinen Verwaltungssitz in Frankfurt hat.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Maria ist eine kleine Frau. Jedes einzelne ihrer Lebensjahre ist ihr im Gesicht anzusehen. Sie hat weiche Augen, umspielt von Falten, die immer dann zu tanzen beginnen, wenn sie lächelt. Und Maria lächelt oft. Die 61 Jahre alte Frau strahlt eine innere Ruhe aus, die beruhigend wirkt. Mit Maria an der Seite, so scheint es, kann nichts schiefgehen. Sechs Kinder leben derzeit in ihrer Pflegefamilie. Einige bereits seit zehn Jahren, andere erst seit wenigen Monaten.

          Die Wohnung ist in die Jahre gekommen. Nur noch zwei Herdplatten funktionieren, Wasser gibt es nur im Badezimmer, die Spülmaschine ist schon seit Jahren außer Betrieb. Es fehlt an Geld. Und manchmal, sagt Maria, fehle ein Mann im Haus. Ihr Wladislaw ist vor einem Jahr verstorben. Sein Stuhl bleibt leer. Alle in der Familie haben getrauert. Manche der Kinder still, andere voller Wut. Wieder wurden sie verlassen. Wieder hat ein Erwachsener sich einfach aus ihrem Leben geschlichen.

          Es fällt Maria schwer, den Kindern Halt zu geben und gleichzeitig den eigenen Verlust zu verarbeiten. Maria versucht ihre Tränen zu verstecken. Für Traurigkeit, sagt sie, fehle ihr die Zeit. Sie müsse weitermachen. Für die Kinder, aber auch für ihren Mann. Das habe sie ihm vor seinem Tod versprochen.

          Und so steht sie seit einem Jahr jeden Morgen allein um sechs Uhr auf, weckt die Kinder, behält die Uhr im Blick. Sie ermahnt zur Eile, wenn eines der Mädchen im Bad trödelt, hilft beim Flechten der Haare, beim Packen der Schultaschen, beim Zubereiten des Frühstücks. Heute gibt es Haferbrei und Tee. „Das ist gut für die Kinder“, sagt Maria. Gegessen wird schweigend.

          Fünf Mädchen im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren leben in der Wohnung, außerdem ein 17 Jahre alter Junge. Sie alle haben in dem Kinderheim ein neues Zuhause gefunden und leben doch so, als seien sie auf Durchreise. Ihre Zimmer wirken nahezu unbewohnt. Für persönliche Gegenstände fehlen Platz und Geld. Dabei leben die meisten von ihnen schon seit ihrer frühesten Kindheit bei Maria. Die Trauer um Vater Wladislaw ließ sie noch ein bisschen enger zusammenrücken. Mehr denn je wurde aus der Schicksalsgemeinschaft im vergangenen Jahr so etwas wie eine echte Familie. Neuankömmlinge haben es seither schwer. Für sie ist Wladislaw ein Fremder. Einer, der von einem der vielen Fotos an der Wand herablächelt. Nur brennt vor seinem Bild eine Kerze.

          Der Alltagstrott war es, der die Schicksalsgemeinschaft in der Phase der akuten Trauer rettete. Jeder kannte seine Aufgaben, seine Pflichten, seinen Platz. Ihre Teller räumen die Kinder selbst ab. Alles wirkt eingespielt – wie ein gut funktionierendes Uhrwerk. Das war nicht immer so, erinnert sich Maria. Viele der Kinder mussten bei ihrer Ankunft Selbstverständlichkeiten erst lernen. Hände waschen, Zähne putzen, Haare kämmen.

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