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Zimmer frei : Mama macht eine WG auf

Hotel Mama: Wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind, entsteht Raum für Untermieter. Bild: Isabel Klett

Sie sind nicht mehr jung und nehmen gerne das Geld: Wenn Eltern die alten Zimmer ihrer Kinder vermieten. Neben Steuern und Verträgen nehmen sie nun Gäste aus aller Welt auf, die auch ihre Probleme mitbringen.

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          Ihr Haus ist Johanna Vogels ganzer Stolz. Es liegt in einer ruhigen Seitenstraße in einem der äußeren Mainzer Stadtteile. Unauffällig reiht es sich in eine Wohnsiedlung. Geschäfte und die Tram sind nah. In den Sommermonaten kann sich Vogel auf der Terrasse entspannen. Die moderne Küche im Erdgeschoss geht in eine kleine Fernseh- und Leseecke über. Vor wenigen Jahren erst hat Vogel das Haus gekauft, in schlechtem Zustand, und mit eigenen Händen wieder hergerichtet. Der Traum vom Eigenheim wurde wahr. Zu dem Zeitpunkt lebte sie schon getrennt. Mit ihrem ehemaligen Mann war sie ein Wechselmodell eingegangen, für ihre zwei Teenager-Söhne war im neuen Haus ja genug Platz.

          Vor zwei Jahren aber schien sich für Vogel schlagartig alles aufzulösen. Als sich der ältere Sohn gegen das Leben bei ihr und für eines bei ihrem ehemaligen Mann entschied, folgte wenig später der zweite Sohn, der bei seinem Bruder sein wollte. Vogel stand plötzlich allein da, als Mutter ohne Kinder, als Single in einem leeren Haus.

          „Das war ganz, ganz schlimm“, sagt sie, „da wurde ja alles in Frage gestellt.“ Vogel machte sich Sorgen zu der Zeit. War die Renovierung vergeblich? Das Haus muss weiter abbezahlt werden. Aber wovon? Sie ist zwar Lehrerin an einem Gymnasium, doch allein 1000 Euro fallen jetzt für den Unterhalt der Söhne an. Eine Summe, mit der sie nicht einmal in ihren Albträumen gerechnet hätte. Wie soll sie leben von dem, was übrig bleibt? „Man wird da ausgepresst wie eine Zitrone.“ Es folgt ein kostspieliger Rechtsstreit mit dem Vater ihrer Kinder. Nackenschläge sind das, manche und mancher wäre daran vielleicht zerbrochen. Aber die Pädagogin hat eine Idee, einen Einfall, wie sie das Blatt zu ihren Gunsten wenden kann: Sie will eines der beiden Kinderzimmer untervermieten.

          Wohnungsmangel trifft Hotel Mietmama

          Das kommt an, vor allem in einer Stadt wie Mainz. Etwa 35 000 junge Leute, die an den drei Hochschulen in Mainz studieren, leben hier. Jedes Jahr im Herbst beginnt der Andrang auf die Wohnungen. In einem Ranking der Berliner Morgenpost, das sich auf Daten des Immobiliendienstleisters CBRE stützt, liegt Mainz auf Platz acht der teuersten Großstädte Deutschlands. Das nahe Frankfurt, die größte Stadt im benachbarten Bundesland Hessen, steht auf Rang zwei.

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          In beiden Städten, in Frankfurt wie in Mainz, klagen immer mehr Studenten über hohe Mieten und das schier aussichtslose Unterfangen, eine Unterkunft zu finden. Könnte das Modell, unbewohnte Kinderzimmer zu vermieten, nicht ein wenig den Druck vom Wohnungsmarkt nehmen? Eine Art Hotel Mietmama, von dem zwei Seiten profitierten: junge Wohnungssuchende und Eltern, deren Kinder ausgezogen sind?

          In Frankfurt schlägt eines Morgens Julia Mertens die Zeitung auf und liest von notdürftig untergebrachten Studenten zu Semesterbeginn, alles junge Leute, die neu in der Stadt sind und keine Wohnung oder Zimmer in einer Wohngemeinschaft gefunden haben. „Warum müssen es junge Leute so schwer haben?“ Das habe sie damals gedacht, erzählt sie. Und dass sie sofort mit ihrem Mann gesprochen habe und beide gleich beschlossen hätten, etwas zu tun.

          Die Kinder der Mertens, 24 und 26 Jahre alt, sind aus dem Haus, eines der ehemaligen Kinderzimmer stand schon länger leer. Seit November bewohnt es eine Praktikantin aus Dresden, die ein halbes Jahr bleiben wird. „Wir haben im Gespräch aufs Bauchgefühl gehört und nicht gleich zugeschlagen. Sie war sehr nett, sehr offen“, sagt Mertens. Damit hat das Ehepaar wieder etwas mehr Leben im Haus. Die Vermieter und die junge Frau sehen sich nicht so oft, als wären sie eine Familie. Aber ab und zu kommen die Mertens mit der Praktikantin bei einem Tee ins Gespräch. „Es läuft wunderbar“, sagt Julia Mertens. „Wir lernen uns auch selbst kennen, wir sind offener als gedacht.“ Und sie und ihr Mann gäben damit etwas zurück, das beispielsweise ihrer Tochter zuteil geworden sei, als diese mit 16 in einer Gastfamilie in den Vereinigten Staaten von Amerika gelebt habe.

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