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: Mal ausgerutscht, nie abgerutscht

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Der Mann bedarf, recht besehen, des Lobes nicht mehr. Wem nach gerade mal vier Jahren an der Spitze einer Institution auch die Leitung von zwei anderen, zudem besonders renommierten und mit der Stadttradition ...

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          Der Mann bedarf, recht besehen, des Lobes nicht mehr. Wem nach gerade mal vier Jahren an der Spitze einer Institution auch die Leitung von zwei anderen, zudem besonders renommierten und mit der Stadttradition aufs innigste verbundenen Einrichtungen anvertraut wird, kann sicher sein, allergrößte Anerkennung zu genießen. Max Hollein hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt. In diesem Jahr übernimmt er neben der Schirn Kunsthalle auch das Städel und das Liebieghaus. Von seinen Plänen für die beiden tragenden Pfeiler der stadtbürgerlichen Kultur verrät er nicht allzuviel. Was ihn ehrt. Denn erst vom 1. Mai an hält er die Zügel allein in der Hand. Bis Ende April ist noch Herbert Beck Direktor der Häuser am Schaumainkai. So hat Hollein jetzt erst einmal eine Bilanz des abgelaufenen Ausstellungsjahrs in der Schirn gezogen. Und diese kann sich sehen lassen.

          Der Grat ist glitschig zwischen Publikumswirksamkeit und künstlerisch-interpretatorischer Qualität. Hollein und seine Mitstreiter sind zwar da und dort ein wenig aus-, aber nie abgerutscht. Eine "neue Romantik" zu postulieren, entbehrte der Grundlage, die Nazarener als Konzeptkünstler des 19. Jahrhunderts vorzustellen, war eine verstiegene These. Aber immerhin: Sogar damit wurde eine Erregtheit erzeugt, die sich in heftigen Diskussionen entlud. Und die sind allemal gut für die Kunst, für den Ausstellungsort, für die Stadt. Originelle Ansätze fanden sich bei fast allen Schirn-Aktivitäten 2005. Und zumeist überzeugten sie wie bei der Präsentation von Dreiminutenfilmen zeitgenössischer Künstler, bei der Schau "Die nackte Wahrheit" mit ihrer Erinnerung an veritable Kunstskandale oder derzeit bei der Retrospektive auf das Werk des hierzulande seit längerem vernachlässigten belgischen Malers James Ensor.

          Hollein weiß, daß er ohne ordentliche Quote in Legitimationsschwierigkeiten käme: Kommunalpolitiker erwarten, daß die Menschen massenweise in die öffentlich subventionierten Musentempel strömen. Desgleichen müssen die Sponsoren ein großes Interesse an Besuchermengen haben. Und tatsächlich: Die Zahlen sind prächtig. Obwohl es es keine Van-Gogh oder Rembrandt-Ausstellung am Römerberg gab.

          Darauf, daß die Kunsthalle wieder zu einem Erfolgsmodell würde, hätte vor ein paar Jahren niemand gewettet. Aber sie bewegte sich doch. Ohne in Populismus und Spektakel unterzugehen. Sich einem Kultur- und Bildungsauftrag verpflichtet zu fühlen, ist im Event-Zeitalter alles andere als selbstverständlich. Und genau dafür setzt es nun ein Lob. Gleichgültig, ob Hollein es braucht oder nicht. MICHAEL HIERHOLZER

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