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Mainzer Uhrenmacher : Uhrzeiger im Sinn

Zeitgeist: Dietmar Koester justiert eine Wiener Tischuhr von 1840. Bild: Cornelia Sick

Der Mainzer Uhrmacher Dietmar Koester repariert und begutachtet Liebhaberstücke aus aller Welt. Für manche Reparatur braucht es vor allem eines: viel Zeit.

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          Wenn es darauf ankäme, würde Dietmar Koester für eine schöne Uhr wohl um die halbe Welt reisen. Bisher war das zwar noch nicht nötig. Allerdings dürfte ein solcher Ausflug nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Schließlich ist der Mainzer Uhrmacher und Restaurator neuerdings Mitglied des 1996 gegründeten Fachkreises Historische Uhren Schloss Raesfeld. Und die so verbundenen knapp 40 Experten aus Deutschland unternehmen regelmäßig Reisen, um beispielsweise die historischen Zeitmesser-Sammlungen des Staatlichen Museums Peterhof in der Nähe von Sankt Petersburg sowie jene im Palast-Museum des Maharadscha von Jodhpur am Laufen zu halten.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          In Russland geht es laut Koester dabei vor allem um wertvolle Meisterwerke französischer Hersteller. In Indien dagegen stammten die Prachtstücke überwiegend aus britischer Produktion. An beiden Orten sei neben handwerklichem Geschick vor allem Improvisationstalent gefragt, weil man die benötigten Ersatzteile in der Regel ja nicht im Internet finde.

          Oft rechnet sich nicht mal mehr ein Batteriewechsel

          Umso mehr sind die Tüftler gefordert, vorhandene Reststücke umzuarbeiten, damit ihre Auftraggeber am Ende mit dem Uhr-Werk zufrieden sind. Der Besuch von Flohmärkten, Trödelmessen, Uhrenbörsen und anderen Fundgruben gehört für Koester auch in Mainz zum Pflichtprogramm. Schließlich gibt es für jene Liebhaberstücke, die von den Kunden in seinem kleinen Laden an der Weintorstraße im Lauterenviertel vorbeigebracht werden, meist weder Gebrauchsanweisungen noch originale Ersatzteile. Schließlich handelt es sich um Stücke aus den vergangenen drei Jahrhunderten: von den aus einfachen Hölzern und Materialien gefertigten, technisch aber oft anspruchsvollen Schwarzwalduhren über französische Empire-Pendulen bis hin zu Jugendstil- und Artdéco-Modellen.

          Der verheiratete Fünfzigjährige, der nach einer spät begonnenen Ausbildung vor fast 15 Jahren – zunächst im Mainzer Stadtteil Mombach – einen Laden aufgemacht hat, ist erblich vorbelastet. Schon die Großeltern, später dann auch seine Mutter, eine Kunsthistorikerin und Uhrmacherin, haben sich liebevoll um die mehr und mehr aus der Mode gekommenen Stücke gekümmert, die zum Teil jahrzehntelang in den „guten Stuben“ der Bürgerhäuser ihren Dienst zu verrichten hatten: ob als Stand-, Tisch- oder Wanduhren, ob mit Pendelzug oder Westminster-Schlag, mit feuervergoldeter Bronzeverzierung oder politisch längst nicht mehr korrekter Mohrendarstellung. Koester weiß, dass er im digitalen Zeitalter – in dem sich oft genug schon der Batteriewechsel für den Kunden nicht mehr rechnet – eine Nische besetzt hat. Weniger romantisch ausgedrückt, lässt sich sagen, dass er einem aussterbenden Gewerbe angehört. Obwohl in den vergangenen zehn Jahren durchaus eine „Renaissance der Mechanik“ zu erkennen sei.

          Koester erträgt den Stillstand nur kurz

          Seine Kunden, die „Patienten“ aus ganz Deutschland und bisweilen gar aus den Niederlanden nach Mainz bringen oder schicken, zeichnet vor allem eines aus: sie haben Zeit. Und so warten die Besitzer einer Wiener Tischuhr von 1830 schon seit eineinhalb Jahren darauf, dass der Zufall dem Restaurator einen Rechen in die Hände spielt, mit dem sich das abgebrochene Originalteil ersetzen ließe. Rechen, Anker, Zugfeder, Zahnräder, Zapfen, Schnecke – es sind immer wieder die gleichen Einzelteile, die in den bis zu 300 Jahre alten Uhrwerken ausgetauscht respektive überholt werden müssen. Doch stets braucht es neue und individuelle Lösungen, um den Schaden zu beheben.

          Alle fünf Jahren sollten historische Uhren – die laut Koester abhängig von Herkunft und Güte zwischen 1000 und 100.000 Euro wert sein können – ohnehin in die Hände eines Fachmanns gegeben werden. Selbst „falsches“ Öl auf die Feinmechanik zu geben sei ebenso verkehrt wie ein doch nur oberflächlich wirkendes Ultraschall-Reinigungsbad. Mithin die größte Gefahr drohe den Zeitmessern von alters her, wenn sie mit zu viel Kraft und Elan aufgezogen werden. Für Uhren mit Schlagwerk gelte zudem, dass man die Zeiger, auch wenn’s einmal schnell gehen soll, immer nur vorwärts bewegen, aber nie zurückdrehen dürfe. „Sonst bricht was ab“, erklärt Koester, der das gleichmäßige Ticken und Schlagen liebt, den Stillstand dagegen allenfalls für kurze Zeit erträgt.

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