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Mainzer Theater : Der Teufel sind immer wir selbst

Hexenwahn: Der vermeintliche Kampf gegen das Böse wird zur Verfolgungshysterie. Bild: Andreas Etter

Es ist eine gespenstische Vorführung: Alexander Nerlich holt Arthur Millers „Hexenjagd“ in Mainz in die Körper des Ensembles.

          3 Min.

          Niemand kann hier seine Hände in Unschuld waschen. Sobald das Wasser aus dem Hahn ins Becken plätschert, erscheint im Spiegel, Auge in Auge mit dem Waschenden, der Verrat. Das Gesicht der Frau, die betrogen, des Kindes, das misshandelt, des Mannes, der belogen wurde. So zeigt Alexander Nerlich, der nun für das Staatstheater Mainz Arthur Millers „Hexenjagd“ inszeniert hat, schon am Anfang, dass der Spuk und die Schuld in den Menschen selbst liegen. Sie sind weder Teufels- noch Hexenwerk.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn Betty Parris, das erste angebliche Opfer der Teufelsbesessenheit, mit ihren Freundinnen allein ist, haben ihre wilden Zuckungen und hysterischen Laute schnell ein Ende. Dann sind Mädchen unter sich, die, in einer streng reglementierten Gesellschaft, sexuelle Erfahrungen machen und Grenzen überschreiten. Um nicht bestraft zu werden, spielen sie die Besessenen und beschuldigen die halbe Stadt. Arthur Miller hat 1953 eine von Unterdrückung und körperlicher Gewalt geprägte Verbotsgesellschaft entworfen, die Interessen an Geld und sexueller Befriedigung mit einer übersteigerten Religiosität kompensiert und ahndet – bis Dutzende von Menschen der Hexerei verdächtigt, gefoltert und getötet werden. Ein historischer Fall in Salem 1692 und die McCarthy-Ära mit ihrer Kommunistenjagd sind die Folien des Dramas.

          Nerlich, der am Staatstheater Mainz schon Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ inszeniert hat, verfällt nicht auf die Idee, Millers Drama in die Jetztzeit, in die Milieus der Prepper oder Identitären zu verlegen. Vielmehr hebt er die „Hexenjagd“ auf eine künstliche Ebene, die zwar vage historisierend ist, aber durch Raum, Bewegung, Licht, Sound und Videoinstallationen eine Überzeitlichkeit schafft, in der Platz für das Publikum und alles, was es selbst mitbringt, ist: Geradezu ausgesetzt sind die Zuschauer, auf zwei gegenüberliegenden Tribünen, dem hölzernen Spielfeld mit einer stilisierten Kirche (Bühne: Wolfgang Menardi) in der Mitte, den 14 Akteuren und all den Assoziationen, Reizen, dramatischen Zuspitzungen, die in drei Stunden auf die Zuschauer einwirken. Sie sind beim „Wir“ der Richtsprüche mitgemeint.

          Nerlich hat mit seinem vertrauten Team gearbeitet, zu dem auch der Soundgestalter Malte Preuss gehört und die Kostümbildnerin Zana Bosnjak, die großartige, düstere, an Kutten, Talaren, Uniformen orientierte Kostüme geschaffen hat. Die Choreographin Cecilia Wretemark, die am Premierenabend für die bei einem Bühnenunfall verletzte Charlotte Wollrad auch die Rolle der Betty übernahm, muss sehr intensiv mit allen Darstellern gearbeitet haben, so fein abgestimmt sind die Gesten, so wuchtig krass, dynamisch, akrobatisch auch die Wahnsinns- und Folterszenen.

          Massenhysterie eines Dorfes

          So tritt zutage, dass die Massenhysterie eines Dorfes ihren Urgrund in Unterdrückung und Unfreiheit hat und in mangelnder Reflexion. Die Peitsche, die Machtworte der Männer, der herrische Befehlston selbst geliebten Frauen gegenüber verbreiten ihr zähes, langlebiges Gift. Und das Gift einer radikalen Religiosität, die sich selbst als Vernunft und Gerechtigkeit begreift, ist hier das schlimmste von allen, erzeugt alles Weitere. So sind die Figuren gezeichnet, vom bigotten Reverend Parris (Alexander Finkenwirth) zum langsam zweifelnden Inquisitor Hale (Julian von Hansemann) und zur eiskalten Richterin (Anna Steffens), die am Ende sehr wohl weiß, dass sie einen Justizirrtum begangen hat. John Proctor und seine Frau (Daniel Mutlu und Kruna Savić) sind die zentralen Figuren und beinahe einzigen Aufrechten, die menschlichsten dadurch, dass sie Fehler eingestehen. Ihre Magd Mary (Elena Berthold) wird auch körperlich hin- und hergerissen zwischen der Wahrheit und dem Freundinnenkreis, den Lisa Eder als Abigail dominiert. Das gesamte, großartig auch miteinander agierende Ensemble trägt dazu bei, die verhängnisvolle Spannung, den Sog des Geschehens regelrecht fühlbar zu machen.

          Nerlich gelingt es, gerade die vermeintlich logische und für die Zuschauer verhängnisvoll irrsinnige Beweisführung zu einem spannungsgeladenen Drama zu machen, in dem nur das Publikum sehen kann, wie die Obrigkeit desavouiert wird und die Angeklagten und Denunzianten einander entlarven. Fast erwartet man, dass jemand von der Tribüne auf das hölzerne Kirchen- und Gerichtsschiff springt, um im Namen der Vernunft Einhalt zu gebieten. Dass es nicht passiert, liegt nicht nur am wohlerzogenen Publikum. Nerlich dreht die Schraube des Irrsinns immer wieder etwas zu sehr an. Bis hin zu einem plakativen Wurzelgeist, der bedrohlich mit seinen Zweig-Armen fuchtelt und schließlich sogar den Richterstuhl besetzt. So schleicht sich ein Zweifel an der Vernunft ein, der dem Stoff nicht gut zu Gesicht steht. Als ob nicht der Mensch selbst das Übel sei. Und die Lösung sein könnte.

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