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Theater Mainz zeigt Puccini : Vom Glamour in den Tod

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Da bleib ich kühl – kein Gefühl? Manon (Nadja Stefanoff, vorn) liebt den Luxus, aber auch einen Studenten. Bild: Andreas Etter

In einer eindrucksvollen Neuproduktion zeigt Regisseur Gerard Jones im Staatstheater Mainz die Puccini-Oper „Manon Lescaut“ als Lebensreise.

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          Ein in den Boden eingelassenes Laufband sorgt beinahe permanent für Bewegung. Parallel zur Bühnenrampe transportiert es alle möglichen Personen und Dinge auf die Einheitsbühne, die Ausstatterin Cécile Trémolières für den jungen britischen Regisseur Gerard Jones und dessen Mainzer Neuinszenierung von Giacomo Puccinis Oper „Manon Lescaut“ errichtet hat. Eine Gruppe Mädchen ist das zuerst, unter denen sich die, die ihre Gehversuche in viel zu großen und extravaganten Stöckelschuhen unternimmt, leicht als die noch kindliche Titelfigur identifizieren lässt. Schließlich will Manon immer dort sein, wo sie nicht ist, und begehrt stets das, was sie gerade nicht hat. Als ihre Familie sie ins Kloster schickt, macht sie sich mit dem mittellosen Studenten Renato des Grieux aus dem Staub. Die wahre Liebe tauscht sie bald gegen den kühlen Reichtum im Pariser Haus des senilen Geronte ein. Weil sie sodann, auf der zweiten Flucht mit des Grieux, aber von ihrem Schmuck nicht lassen will, wird sie verhaftet, eingesperrt und nach Amerika abgeschoben, wo sie an seiner Seite stirbt.

          Von Anfang an zeigt Jones die Entwicklung der Manon Lescaut als Lebensreise. Nicht etwa die Orte ändern sich, wie es das Libretto nach der Romanvorlage des Abbé Prevost vorsieht. Denn egal ob Amiens, die Pariser Gesellschaft, das Abschiebegefängnis von Le Havre oder die Wüste in Louisiana: alles spielt auf dem vorderen Bühnenstreifen. Manon ist es, die sich verändert, die auf dem Weg vom Kind zur Glamourfrau ihre eigene Fallhöhe vorbereitet. In einer stummen Szene zum Orchesterzwischenspiel am Anfang des dritten der vier Akte schneiden Polizisten ihr brutal die langen Haare ab – die vielleicht größte Verletzung, die ihr beizubringen ist. Soll man, kann man dabei Mitleid mit ihr haben? Das hält die Regie, darin ganz an Puccinis Seite, treffend in der Schwebe, so wie sie auch sonst genau beschreibt, aber nie mit dem Zeigefinger wertet. Sie zeichnet die in die Gegenwart verlegte Handlung scharf und punktgenau nach und überzeichnet die Figuren deutlich – das dürfte dazu beigetragen haben, dass sie mit dem zehnten europäischen Opernregie-Preis ausgezeichnet wurde, zu dem die Realisierbarkeit des Konzepts im Staatstheater Mainz gehörte.

          Erfolg dank Sopranistin Nadja Stefanoff

          Ganz wesentlichen Anteil am Erfolg dieser konzentrierten, vom Publikum mit uneingeschränkter Begeisterung aufgenommenen Neuproduktion hat Sopranistin Nadja Stefanoff, die alles Potential für die immens facettenreiche Titelpartie hat, von den mädchenhaften Lyrismen über den großen dramatischen Aufriss bis zur herben Reflexion in ihrer Sterbeszene. Eric Laporte als des Grieux agiert an ihrer Seite bei großer tenoraler Noblesse vor allem vokal auf Augenhöhe; dass ihn die Regie manchmal statisch an der Rampe plaziert, gehört ebenso zu ihren punktuellen Schwachstellen wie bisweilen ihr ablenkend heiteres Fabulieren – zum Beispiel vor dem finalen Amerika-Akt, als ein Modellflugzeug über die Bühne schwebt. Oder als in der Wüstenszene das Laufband einen leeren Kühlschrank vorfahren lässt, der ebenso hämisch wirkt wie der am Ende auf eine Schultafel geschriebene Bibelspruch, nach dem Hochmut vor dem Fall kommt.

          Während der junge Regisseur den Duetten zwischen Manon und des Grieux szenisch nicht die letzte glühende Intensität verleihen kann, enttarnt er treffend die weiteren Figuren in ihrer Schablonenhaftigkeit. Michael Dahmen als Manons neureich-schmieriger Bruder Lescaut und Stephan Bootz als lüsterner Greis Geronte umreißen treffend die Macho-Welt um Manon und des Grieux. Die zeitlos aktuelle Frage nach der Behauptung der Frau in der Gesellschaft wird dabei benannt und aufgezeigt, ebenso das Motiv von Gefangennahme und Abschiebung, ohne dass diese sich je plakativ in den Vordergrund schieben. Das liegt übrigens auch dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz fern, das unter der Leitung von Gastdirigent Daniel Montané zu einem durchhörbaren, leichtflüssigen Puccini-Klang findet, der sich an den dramatischen Kulminationspunkten umso eindrucksvoller aufrichten und zupackend verdichten kann.

          Nächste Vorstellungen

          Nächste Vorstellungen am 31. Januar, 6. Februar, am 10. und 28. März von 19.30 Uhr an

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