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Mainzer Einkaufsstraße : Müßiggang am Steilhang

Alles im Rahmen: Nicole Mauduit versorgt seit mehr als 20 Jahren Mainzer Kunstliebhaber. Bild: Röth, Frank

Wer die Geschäfte und Galerien an der Gaugass’ in Mainz aufsucht, sollte etwas Zeit mitbringen. Vinotheken, Kaffeehäuser und Tapas-Kneipen verlängern den Aufstieg.

          Einkaufsstraßen wie die Gaugass’ gibt es eigentlich gar nicht mehr. Auch nicht in Mainz, wo seit Monaten über den Bau einer 250 Millionen Euro teuren Shopping-Mall verhandelt wird und die meisten Kunden, solange der gläserne Konsumtempel noch auf sich warten lässt, in der Römerpassage oder im Brandzentrum auf Schnäppchenjagd gehen. Die Mühe, sich zu Fuß vom Schillerplatz aus auf den beschwerlichen Weg bis hinauf zum Gautor zu begeben, machen sich nur wenige. Wenngleich es immer mehr werden, da die schon des Öfteren totgesagte Gaustraße - die im Fachjargon allenfalls als 1-B-Lage durchgeht - gerade ihren x-ten Frühling erlebt.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Das liegt vor allem daran, dass mit dem vor wenigen Monaten eröffneten „Lönneberga“, einem Kaffeehaus für Familien nebst angeschlossenem Kinderkram-Laden, sowie dem seit fast einem Jahr von Mutter und Tochter gemeinsam betriebenen Eck-Café „Dicke Lilli, gutes Kind“ und der noch jungen Cocktailbar „Hubert“ ein neuer Geist im Altstadtviertel eingezogen ist - und sich davon ganz offensichtlich auch ein neues Publikum angesprochen fühlt.

          Läden im Stadtviertel machen dicht

          Mühsam bleibt es dennoch, sich vom Fastnachtsbrunnen aus bis hinauf in die Oberstadt zu bewegen: Immer den Gleisen nach, denn auf der Gaustraße, wie sie offiziell heißt, fahren die Straßenbahnen von und nach Hechtsheim. Die Idee, auf halber Strecke eine zusätzliche Haltestelle einzurichten, die den Kunden das Einkaufen leichter machen würde, ließ sich allerdings nicht in die Tat umsetzen. Als Grund wird angeführt, dass es in ganz Europa keine vergleichbar steile Strecke gibt, bei der auf ähnlich kurzer Distanz eine solch enorme Steigung zu überwinden ist. Selbst mit den modernsten Fahrzeugen, sagen die Verkehrsbetriebe, sei es nicht möglich, mitten am Berg wieder anzufahren. Von Anwohnern wird das Quartier nicht ohne Stolz „Klein San Francisco“ genannt. Dem Besucher bleibt, um Kraft zu sparen, allenfalls die Möglichkeit, sich von der Tram zum Gautor bringen zu lassen, um von dort aus zurück in die Stadt zu laufen. Dass man dann zuallererst auf eine Apotheke stößt, die zwar noch immer wunderschön eingerichtet, wegen anhaltenden Kundenschwunds aber schon seit längerem geschlossen ist, passt ins Bild. Denn die Wiederbelebung der jüngsten Zeit hat noch nichts daran geändert, dass viele der von Inhabern geführten Geschäfte, in denen der Kunde meist noch mit Namen begrüßt und an der Tür persönlich verabschiedet wird, heute anfällige Gebilde sind: Elektro Maas schließt gerade wegen Geschäftsaufgabe und auch die Terracottage soll zum Jahresende aufgegeben werden.

          Dafür bietet die Weinbar und Vinothek „Wangenrot“ seit einem Jahr deutsche, italienische und französische Spezialitäten zur Verkostung an. Gleich gegenüber verfolgt die „Bodegas Ibéricas“ ein ähnliches Geschäftsmodell. Und wer nach seinem Einkaufsbummel noch eine Tapas-Pause machen möchte, ist im etablierten „Barrio Alto“ richtig.

          „Gaustraße einer der besten Standorte“

          Obwohl man die Mainzer Gaugass’ im Grunde genommen immer aufsuchen kann, empfiehlt es sich, dort nicht gerade montags vorbeizuschauen, denn dann erlauben sich viele Geschäftsleute ihren freien Tag. Fast immer da - und das seit mehr als 20 Jahren liebend gerne - ist die von Frankreich an den Rhein gekommene Nicole Mauduit. Wenn die Tür zu ihrem Bilderrahmengeschäft verschlossen ist, empfiehlt es sich zu klingeln, weil sie dann wahrscheinlich gerade in der Werkstatt arbeitet. Wie ihr Nachbar, Thomas Schwebel, der es mit dem von ihm entwickelten „Whitebeds“-Konzept in die Oberklasse der Schlafmöbelanbieter geschafft hat, bezeichnet Mauduit die Gaustraße als den besten aller vorstellbaren Mainzer Standorte. Die vorbeifahrende Straßenbahn bringe potentielle Kunden im Minutentakt an ihrem Schaufenster vorbei. Abgesehen von den in Innenstädten nie ganz einfachen Parkplatzverhältnissen, fällt ihr kein Grund zum Klagen ein. Zweifellos auch deshalb, weil sie sich eine treue Stammkundschaft herangezogen hat, die selbstgeschaffene oder irgendwo im Ausland erworbene und deshalb in kein Standardformat passende Kunstwerke von ihr gerahmt und bearbeitet wissen möchten.

          Nachbar Schwebel empfängt ohnehin vor allem Händler oder aber Kaufinteressenten, die gezielt zu ihm geschickt worden sind. Und wenn sich doch einmal Laufkundschaft einstellt, werden die Neugierigen selbstredend umfassend über alle bei ihm zu erwerbenden Kombinationen aus Rahmen, Lattenrosten und Matratzen informiert.

          In der Altstadt eröffneten 54 Geschäfte

          Letztlich ist es die bunte Mischung aus Geschäften, Galerien und Gastronomie, die den Gang durch die Gaugass‘ - trotz des unübersehbaren Leerstands - zum außergewöhnlichen Erlebnis werden lässt: Die Straße „ernährt“ den Blumen- und den Obsthändler, das Lottolädchen und die Schuhwerkstatt, den Änderungsschneider und das Designerschmuckgeschäft, die Modeboutique, das Kosmetikstudio, die Friseurläden sowie eine Sprachschule und die Buchhandlung „Shakespeare und So“. Alle zusammengenommen, sorgen sie mit ihren vielen kleinen Schaufenstern für jede Menge bleibende Eindrücke. Die gibt es übrigens auch in der Kirche St.Stephan gleich um die Ecke, die wegen ihrer Chagallfenster neben Dom und Gutenberg-Museum zu den Mainzer Sehenswürdigkeiten gehört. Von dort aus ist es gar nicht mehr weit bis hinunter zur Altstadt, die laut einer aktuellen Erhebung 724 Ladengeschäfte beherbergt; 54 mehr als noch vor einem Jahr. Und auch das ist ein lohnendes Pflaster, falls am Ende der Gaustraße doch noch etwas Platz in der Einkaufstüte sein sollte.

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