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Rosenmontagszug in Mainz : Hexe Pegida und Vogelscheuche Seehofer

Die Motivwagen für den Rosenmontagsumzug: Hier Putin als Friedensengel - allerdings ein scheinheiliger, wie der Titel des Motivwagens verrät. Bild: dpa

Der Mainzer Carneval-Verein präsentiert seine Motivwagen für den Rosenmontagszug. Zu den Übergriffen in Köln gibt es keine rollende Karikatur.

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          Den Wettlauf mit der Zeit haben die Mainzer Fastnachter in diesem Jahr mit der extrem kurzen Kampagne nicht gewinnen können. So gibt es keinen Motivwagen, der sich mit den Ereignissen von Köln beschäftigt. Gestern ist die bis dahin streng geheim gehaltenen Fahrzeugflotte, die an Rosenmontag als „Rollende Satire“ in der Innenstadt gezeigt werden soll, in der Mombacher Wagenhalle präsentiert worden.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          In Köln war es in der Silvesternacht massenhaft zu Diebstählen und sexuellen Übergriffen gegen Frauen gekommen, für die vorwiegend Männer verantwortlich gemacht werden, die aus arabischen und nordafrikanischen Ländern stammen. Das ganze Ausmaß der Vorfälle mit am Ende rund 1000 Anzeigen sei erst in den darauffolgenden Tagen und Wochen absehbar gewesen, sagte Dieter Wenger, der oberste Wagenbauer des Mainzer Carneval-Vereins (MCV) 1838. Das sei zu spät gewesen, um noch mit einer Karikatur darauf eingehen zu können. Wobei es ohnehin eine heikle Angelegenheit gewesen wäre, dieses vielschichtige Thema mittels Styropor, Farbe und einer einzigen guten Idee angemessen umzusetzen.

          „Staatsschauspieler“ im Engelskleid

          Auf die Terroranschläge von Frankreich, die wie die Kölner Übergriffe die Menschen in Deutschland und alle für Fastnachtszüge verantwortlichen Sicherheitsexperten seit Wochen beschäftigen, haben die Mainzer allerdings reagiert: „Mit einer klaren Solidaritätsadresse an unsere französischen Nachbarn“, wie der seit November für das Großprojekt „MCV-Motivwagen 2016“ zuständige Boris Henkel verriet. Zugnummer Elf zeige die an Égalité, Liberté und Fraternité erinnernde Narrenzahl; als Bekenntnis zu „unseren gemeinsamen freiheitlichen Werten“. Versinnbildlicht werde dies durch Narrenkappe und Jakobinermütze, die auf dem Wagen dabei wie eine Eins neben der anderen stehen. An die Nähe zu Frankreich, die vielen von den Nachbarn in der Region hinterlassenen Spuren und die politischen Einflüsse, wie dereinst die Gründung der Mainzer Republik, wird weiter hinten im Zug (Nummer 54) mit dem Extra-Jubiläumswagen „200 Jahre Rheinhessen“ aufmerksam gemacht.

          Kein Grund zum Jubeln bieten aus Sicht jener Kreativen, die für die insgesamt 13 gebauten Karikaturen verantwortlich zeichnen, bekannte Politiker aus Deutschland und der Welt. So wird der „scheinheilige“ Wladimir Putin als Doppelwesen entlarvt: Mal sehe man den russischen „Staatsschauspieler“ im Engelskleid, dann wieder „ganz schroff, als Rambo mit Kalaschnikow“. Ebenfalls kein gutes Bild gibt aus Sicht der Narren der türkische „Despot und Palastbauer“ Recep Tayyip Erdogan ab, der sich nach ihrer Lesart von einer gar zu unterwürfigen Europa die Füße küssen lässt. Beim Blick aufs eigene Land ist den Wagenbauern die „Hexe Pegida“ eingefallen, die – „durch einen grässlichen Höcke(r) entstellt“ – auf einem Besenstil ähnlichen braunen Mob umherfliegt, um „dumpfe Massen mit hasserfüllten Hetzparolen“ für sich zu gewinnen. Harsche Kritik wird beim 115. Mainzer Rosenmontagszug zudem an Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) geäußert, der als Vogelscheuche versuche, sein Bayernland vor Flüchtlingen zu schützen. Den von der rheinland-pfälzischen Unionspolitikerin Julia Klöckner 2015 ausgerufenen „Burka-Alarm“ halten die Fastnachter für völlig überzogen. Was der CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl einen Platz auf einem kippeligen Stuhl beschert hat, der umringt ist von vielen schwarzen Burka-Mäusen, wie Wenger erklärte.

          Sicherheit macht den Umzug teuer

          Er und seine 37 Helfer hätten in den vergangenen Wochen zusammengerechnet bald 10.000 Arbeitsstunden in der MCV-Wagenhalle zugebracht, um rund 700 Styropor-Blöcke in vorzeigbare Satire-Stücke zu verwandeln. Einer der größten Materialfresser sei dabei der am Montag mit Nummer 111 auf die Strecke rollende Jubiläumswagen des 111Jahre alten FSV Mainz05 gewesen, mit dem Mannschaft, Trainerstab, Betreuer und Funktionäre das närrische Treiben bereichern wollen.

          Bis zu 500.000 Zuschauer werden – abhängig vom Wetter und wohl auch der aktuellen Stimmungslage – von 11.11 Uhr an in Mainz erwartet, um sich den gut sieben Stunden dauernden Umzug mit rund 9500 Gardisten, Reitern und Musikern anzuschauen. Das Spektakel kostet vor allem wegen der in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Sicherheitsvorkehrungen fast 400.000 Euro, die mit Hilfe von Spendern und Sponsoren, Marketingaktionen sowie nicht zuletzt dem Verkauf der „Zugplakettcher“ hereingeholt werden müssen. Wobei das für diese Kampagne gewählte Ordensgebilde aus „Weck, Worscht un Woi“ schon 50.000 Mal verkauft worden sein soll.

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