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Distanz zu Lehmann : Mainzer Bischof überprüft Missbrauchsfälle neu

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Weitreichende Reform: Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hält Abschaffung des Zölibats für möglich. Bild: dpa

Der Mainzer Bischof befasst sich wieder mit Missbrauchsfällen aus der Zeit seines Vorgängers Lehmann. Kohlgraf fordert eine Neuorientierung der Kirche bei der Sexualmoral und hält auch ein Ende des Pflichtzölibats für vorstellbar.

          Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf lässt die Missbrauchsfälle aus der Zeit von Karl Kardinal Lehmann erneut überprüfen. „Natürlich schauen wir uns auch alle Missbrauchsfälle, die in der Amtszeit Kardinal Lehmanns lagen, noch einmal an und prüfen, ob es zu Unregelmäßigkeiten im Umgang mit Tätern gekommen ist“, sagte Kohlgraf in einem Interview mit „Christ&Welt“ der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Aus den Akten lasse sich aber nicht erkennen, dass Kardinal Lehmann Täter bewusst gedeckt und Missbrauchstaten vertuscht habe. Kohlgraf kritisierte jedoch frühere Aussagen seines Vorgängers.

          Es sei „so unklug wie falsch“ gewesen, dass Kardinal Lehmann 2002 mit Blick auf den Missbrauchsskandal in der Diözese Boston gesagt habe, die deutsche Kirche müsse sich den Schuh der Amerikaner nicht anziehen. Das hab dieser später allerdings auch zugegeben. „Er hat das Ausmaß und die Tragweite des Skandals wie viele damals nicht realistisch eingeschätzt.“

          Die Bischöfe seien der Auffassung, „dass die Kirche sich öffnen und verlorenes Vertrauen zurückgewinnen muss“, sagte Kohlgraf. Differenzen gebe es jedoch über die Frage, wie das gehen solle. „Allen Bischöfen ist bewusst, dass wir als Kirche nicht so weitermachen können wie bisher. Die Zeiten, da Bischöfe schalten und walten konnten, wie sie wollten, sind definitiv vorbei.“

          Frage nach dem Zölibat

          Er halte es durchaus für vorstellbar, dass es in zehn Jahren keine Verpflichtung zum Zölibat mehr geben werde. „Ich würde es begrüßen, wenn es unterschiedliche Zugangswege zum Priesteramt gibt.“ Weltweit sei eine Abkehr von Pflichtzölibat jedoch sicher nicht mehrheitsfähig. Diese Frage könnte aber den nationalen Bischofskonferenzen überlassen werden.

          Die Kirche müsse sich beim Thema Sexualmoral ganz neu orientieren, forderte Kohlgraf. „Wir müssen uns von der Hybris verabschieden, ganz genau zu wissen, was in jeder Lebenssituation gut für den einzelnen Menschen ist.“

          Kohlgraf hat im August 2017 die Nachfolge von Kardinal Karl Lehmann als Mainzer Bischof angetreten. Das Bistum liegt zu etwa zwei Dritteln in Hessen und zu einem Drittel in Rheinland-Pfalz.

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