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Krebserregendes Mittel : Reinigendes Pflaster wirbelt Staub auf

Steine des Anstoßes: Das Pflaster auf dem Inselplatz in Mainz ist umstritten. Bild: Marcus Kaufhold

Am Mainzer Inselplatz sollen Gehwegplatten helfen, die Stickoxidbelastung zu verringern. Allerdings steht das eingelassene Titandioxid im Verdacht, krebserzeugend zu sein.

          Bei der Auswahl ihrer Pflastersteine haben die Mainzer kein glückliches Händchen. So sieht der Belag an der neu gestalteten Bahnhofstraße, der aus Kostengründen nicht imprägniert worden war, schon nach wenigen Monaten extrem schmutzig aus. Das Versiegeln solle nun nachgeholt werden, heißt es im Rathaus. Zuvor müsse aber auch der letzte Kaugummi-Rest vom Boden entfernt sein. An der Großen Langgasse, die zurzeit umgebaut wird, hat die Stadt wohl auch wegen dieser Erfahrung ein teures Pflaster namens „Airsave“ gewählt, dem selbstreinigende Kräfte zugesprochen werden. Außerdem gilt die laut Hersteller „photokatalytisch aktive Betonware“, die auf dem Inselplatz verlegt wird, als Luftverbesserer. Die Platten könnten in Verbindung mit Sonnenlicht gesundheitsschädliche Stickoxide in unbedenkliches Nitrat verwandeln.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Allerdings wird das recht junge „Wundermittel“ durchaus auch kritisch gesehen. Denn die Steine sind mit Titandioxid versetzt, einem chemischen Stoff, den die Europäische Union womöglich noch in diesem Monat offiziell als „vermutlich krebserzeugend“ einstufen wird. Als gefährlich werden dabei vor allem kleinste Staubpartikel angesehen, weil sich diese in der Lunge ablagern könnten.

          Bürgermeister Günter Beck beruhigt

          Gegen diese Einschätzung und Einstufung, die vom Ausschuss für Risikobeurteilung in Helsinki stammt, wehren sich erwartungsgemäß jene Industriezweige, die auf den vielfältig einzusetzenden Universalrohstoff angewiesen sind. Er steckt, vereinfacht gesagt, in fast allem, was weiß ist: Zahnpasta, Kaugummi, Sonnencreme, Papier, Farben und Lacke sowie eben auch in Steinerzeugnissen. Vertreter der chemischen Industrie sehen den Stoff zu Unrecht angeprangert, da er in gebundener Form, also als Creme, Pille oder Anstrich, ungefährlich sei. Ansonsten sei es generell nicht zu empfehlen, große Mengen an feinstem Staub einzuatmen; was für eine ganze Reihe von Stoffen gelte, aber vor allem den Arbeitsschutz betreffe.

          Kleinste Staubpartikel von Titanoxid können sich in der Lunge ablagern.

          Wer in Zukunft über den Inselplatz gehe oder dort wohne, habe nichts zu befürchten, sagte Bürgermeister Günter Beck (Die Grünen) auf Anfrage. Eine potentielle Gefahr geht auch nach Ansicht der Experten des Landesamts für Umwelt und Gewerbeaufsicht in Rheinland-Pfalz allenfalls von Nanopartikeln aus, wie sie bei der Herstellung und Verarbeitung des Pflasters, nicht aber bei normaler Nutzung anfielen. Von der Idee, Titandioxid zusätzlich in den Straßenbelag einwalzen zu lassen, sei man aber abgerückt, sagt Beck. Zumal nicht klar sei, ob dies ebenfalls zu einer Stickoxid-Minderung führe. Am Donnerstag ist im Rathaus eine Unbedenklichkeitserklärung der Fensterbacher Firma Godelmann GmbH eingetroffen. Demnach unterscheiden sich die betreffenden Steine „nach aktuellem Stand der Wissenschaft“ und hinsichtlich einer potentiell schädlichen Wirkung „weder bei der Herstellung noch bei der Verarbeitung oder während der Nutzung von herkömmlichen Betonprodukten“. Jedoch könne Titandioxid, „wenn es als feiner Staub in großen Mengen eingeatmet wird, karzinogen wirken“. Was jedoch für viele weitere staubförmige Stoffe in lungengängiger Partikelgröße zutreffe. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt Beck, der derzeit Umweltdezernentin Katrin Eder (Die Grünen) vertritt, dass man das Thema noch einmal intensiv überprüft habe. Die Stadt sehe keinen Grund, die laut Hersteller für bessere Luft sorgenden Pflastersteine nicht, wie geplant, auch an anderen Stellen in der City zu verwenden. „Ganz oder gar nicht“, sei die Entscheidung gewesen, alles andere sei den Bürgern nicht zu vermitteln.

          Titandioxid ist „möglicherweise krebserregend“

          Berichte darüber, dass Titandioxid „möglicherweise krebserregend“ sei, gab es schon vor gut einem Jahr. Umweltgruppen, die sich kritisch mit der Nanotechnologie beschäftigen, haben sogar noch früher auf „den neuesten Gag beim Straßenbau“ und bedenkliche Tierversuche mit Mäusen verwiesen. Derweil sich die Lobbyisten in Berlin von der Bundesregierung tatkräftige Unterstützung erhoffen, weil ein Warnhinweis, wie er von der Europäischen Union erwogen wird, Verbraucher unnötig verunsichere; ohne dass es im konkreten Fall wissenschaftliche Belege dafür gebe.

          Am nächsten Mittwoch wollen sich Oberbürgermeister Michael Ebling und Innenminister Roger Lewentz (beide SPD) gemeinsam vom Fortgang der Arbeiten an der Inselstraße überzeugen. Fraglich ist, ob es jetzt noch passt, den einstigen Parkplatz in Gisela-Thews-Platz umzubenennen: Schließlich war sie in Mainz von 1988 bis 1995 als Dezernentin für Umwelt und Gesundheit zuständig.

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