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Mainz baut aus : Mit der Straßenbahn ins Öko-Quartier

Ausbaufähig: Kann Mainz überhaupt noch wachsen? Bild: Frank Röth

Mainz platzt aus allen Nähten. Deshalb will Oberbürgermeister Michael Ebling einen neuen Stadtteil bauen lassen. Doch nicht alle finden das gut.

          Wie die fünf Finger einer Hand soll sich, so zumindest lautet die reine Lehre, die Stadt Mainz vom Rhein aus ins Hinterland erstrecken. Davon ausgehend, dass die Achse nach Laubenheim dabei dem Daumen entspricht und der kleine Finger bis nach Mombach reicht, blieben mit dem Ring-, dem Mittel- und dem Zeigefinger noch drei weitere Entwicklungsstränge: nämlich die Korridore über Gonsenheim nach Finthen, über Marienborn zum Lerchenberg sowie in Richtung Hechtsheim und Ebersheim. Die Freiräume zwischen diesen fünf Hauptentwicklungslinien sollen dem „Fingerprinzip“ zufolge weitgehend unbebaut bleiben, damit unter anderem genügend Kaltluft in die wie in einem Kessel gelegene Innenstadt einströmen kann. Eine Vorgabe, die in der Vergangenheit etwa beim Bau des neuen Fußballstadions mitten in den Feldern jedoch wiederholt missachtet wurde. Weil Wohnen seiner Ansicht nach „kein Luxusgut, sondern ein Grundrecht ist“, hat sich Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) nun mit dem Vorschlag zu Wort gemeldet, linker Hand der Rheinhessenstraße, also auf dem Weg von Hechtsheim nach Ebersheim, einen zusätzlichen Mainzer Stadtteil zu schaffen: Es wäre der sechzehnte.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Die zum Auftakt des langsam beginnenden Oberbürgermeisterwahlkampfs von ihm ins Spiel gebrachte Idee wurde vom politischen Gegner erwartungsgemäß unverzüglich kritisiert, zumindest aber mit einigen Fragezeichen versehen. Die CDU, die selbst seit zwei Jahren für einen zusätzlichen Stadtteil namens „Rheinhöhe“ zwischen Hechtsheim und Bodenheim wirbt, sprach gar von einem dreistem Ideenklau. Noch dazu sei der Unionsvorstoß seinerzeit von der SPD als „Schnapsidee“ verunglimpft worden.

          „Lunge und Atemwege von Mainz“

          Tabea Rößner von den Grünen, die sich bei der Wahl am 27. Oktober gleichfalls um den Posten als künftige Verwaltungschefin der Kommune bewirbt, warnte am Dienstag davor, „Mainz in den Schwitzkasten zu nehmen“. Priorität beim Wohnen sollte ihrer Ansicht nach die Konversion, also die Umwandlung bereits erschlossener Areale wie der Generalfeldzeugmeister-Kaserne in der Oberstadt haben. Auch das Aufstocken vorhandener Gebäude sei zu prüfen „statt immer mehr Flächen zu versiegeln“.

          Rößner hält es für falsch, „nur in Beton zu denken“. Die Frischluftschneisen und Grünflächen seien „Lunge und Atemwege von Mainz, die nicht weiter zerstört werden dürfen“. In Ballungsräumen werde die Nachfrage nach Wohnraum das Angebot ohnehin immer übersteigen. Und leider seien die aktuell entstehenden Quartiere, ob am Zollhafen oder am Heiligkreuzweg, kaum geeignet für jene Menschen, „die sich Mainz ohnehin kaum noch leisten können“. Wichtig sei es, den Anteil an sozial gefördertem Wohnraum bei Neubauten auf 30 Prozent zu erhöhen. Und Flächen künftig auch nicht mehr einfach so an den meistbietenden Investor zu verscherbeln.

          Wo soll das Bauland herkommen?

          Ebling machte gestern deutlich, dass sein Vorschlag nicht als Schnellschuss im Wahlkampf zu verstehen sei. Es gehe vielmehr um eine nachhaltige und langfristig angelegte Stadtentwicklung; und um die Beantwortung der drängenden Frage „Wo soll in Zukunft das Bauland herkommen?“. Konkret denke er an ein Null-Emmissions-Quartier mit beispielhaft ökologischer Bebauung, also etwa begrünten Dächern und Fassaden; aber auch an die Anbindung des neuen Stadtteils an ein bis nach Ebersheim zu verlängerndes Straßenbahnnetz; nicht zuletzt sollten dort unterschiedliche Wohnformen für Familien, Senioren und Baugemeinschaften realisiert werden. Falls der Stadtrat grundsätzlich dazu bereit wäre, nach einem Standort für einen solchen „sozialen und ökologischen Modellstadtteil“ suchen zu lassen, kämen entlang der Rheinhessenstraße zunächst einmal verschiedene Gutachter zum Zuge, um nicht zuletzt alle klimatologisch und artenschutzrechtlich relevanten Fragen zu klären. Durch eine beizeiten erlassene Entwicklungssatzung inklusive städtischem Vorkaufsrecht für das betreffende Gebiet sollte sich laut Ebling verhindern lassen, dass die Bodenpreise von privaten Grundstücksspekulanten nach oben getrieben würden.

          Kurz- bis mittelfristig setzt Ebling übrigens ebenso wie Rößner auf die Entwicklung vorhandener Flächen wie Heiligkreuzareal, Frankenhöhe und Generalfeldzeugmeister-Kaserne. Schließlich kamen zuletzt jährlich rund 2000 Neubürger in die Stadt mit ihren aktuell fast 218.000 Einwohnern. Allerdings stößt die Nachverdichtung in bestehenden Wohnquartieren nach Ansicht des Rathauschefs schon heute an ihre Grenzen, „weil wir nicht jeden Flecken Grün in der Stadt, den wir noch haben, zubetonieren wollen“.

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