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Theodor-Heuss-Brücke : Helau-Spur für Karnevalisten

Kleiner Grenzverkehr: Die Theodor-Heuss-Brücke ist eine der wichtigsten Verbindungen über den Rhein. Bild: Schulz, Samira

Am Sonntag wird die Mainz-Wiesbadener Theodor-Heuss-Brücke wochenlang gesperrt. Den Autofahrern bleibt nur der Umweg über die Autobahnen.

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          Die Fahrer von rund 50.000 Lastwagen und Autos am Tag werden sich von Sonntag an neue Wege zwischen Mainz und Wiesbaden suchen müssen. Gegen 12 Uhr wird die Theodor-Heuss-Brücke gesperrt. Sie ist außer der Schiersteiner Brücke (A 643) und der Weisenauer Brücke (A 60) die einzige Straßenverbindung über den Rhein. Neben der Schiersteiner Brücke und der Salzbachtalbrücke (A 66) wird damit die dritte von vier bedeutsamen Brücken im westlichen Rhein-Main-Gebiet ein Fall für die Bauarbeiter. Bei der Theodor-Heuss-Brücke geht es allerdings „nur“ um die Sanierung der sogenannten Traversenlager. Vier Wochen Bauzeit und gut 400.000 Euro sollen für die Sanierung ausreichen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Furcht vor einem Chaos ist gleichwohl groß, obwohl für Busse und Taxis, Fußgänger und Radfahrer die Brücke einspurig offen bleiben und eine Ampel den Verkehr regeln wird. Freie Fahrt gibt es auch für jene Vehikel, die keine Autobahnzulassung haben. Sonder- und Ausnahmegenehmigungen werde es aber nicht geben, stellte gestern Winnrich Tischel, Leiter des Verkehrsamtes Wiesbaden, klar, um dieses Verdikt im gleichen Atemzug einzuschränken: Für wenige „extreme Einzelfälle“ werde es in Absprache mit der Stadt Mainz Sondererlaubnisse geben.

          Einschränkungen für Verkehrsteilnehmer

          Darunter fallen auch prominente Büttenredner ebenso wie Musikgruppen mit großen Instrumenten, denen eine Taxifahrt nicht zugemutet werden könne. Zumindest für einige Narren wird die vom Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) angekündigte Helau-Spur somit Wirklichkeit. Zahlen und Namen nannte Tischel aber nicht. Deren schon lange feststehenden, eng getakteten Terminplan zu stornieren wäre aber „unverhältnismäßig“.

          Allen anderen Verkehrsteilnehmern rät Tischel ab, den für die Sanierungsdauer nur noch einspurigen Kasteler Hochkreisel anzufahren, um ihr Glück zu versuchen. Dort wird eine Schranke als Zufahrtsbeschränkung errichtet, an der „rigoros“ abgewiesen werden soll. Die Stadtpolizei wird in den ersten Tagen rund um die Uhr präsent sein, bis ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Das trifft laut Verkehrsamt knapp 70.000 Bürger, die täglich auf der Theodor-Heuss-Brücke im Auto den Rhein queren. Sie sollen sich nach Ansicht der Stadt ein Beispiel an den 30.000 Nutzern der acht Buslinien über den Rhein nehmen. Oder an den 3800 Radlern und 2000 Fußgängern, die werktäglich „von hibbe nach dribbe“ gelangen.

          Wer auf dem Auto beharrt, dem empfiehlt Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Die Grünen) die Weisenauer Brücke als Ausweichstrecke und danach die A 671. Das sei zwar ein Umweg, führe aber fast genauso schnell ans Ziel. Obwohl die Weisenauer Brücke täglich von 120 000 Autos befahren werde, habe sie noch Kapazität als Umleitung. Das gelte auch für die täglich von 100.000 Autos befahrene Schiersteiner Brücke. Allerdings erwartet dort Kowol wegen eingeschränkter Zufahrt mehr Staus.

          Problematischer Zeitpunkt der Sperrung

          Die Mitarbeiter der Verwaltung verteidigten den Zeitpunkt der Sperrung just nach dem Ende der Schulferien mit der Dringlichkeit der Sanierung und den wenigen darauf spezialisierten Unternehmen. Die Notwendigkeit, die 56 Traversenlager zu tauschen, sei erst bei der Brückenhauptprüfung im Sommer 2019 erkannt worden. Traversenlager sind runde Kunststoffpuffer zur Stärkung der Unterkonstruktion an den Übergängen der Fahrbahnplatten. Sie haben eine Lebensdauer von 25 Jahren und waren zuletzt zwischen 1992 und 1995 getauscht worden. Die Stadt ist zuversichtlich, dass die Sanierung in vier Wochen zu schaffen ist, und Tischel verbreitet Optimismus: „Ich glaube nicht, dass es zum Verkehrschaos kommt.“

          Um die Einschränkungen für Autofahrer abzumildern, haben sich Eswe Verkehr und Mainzer Mobilität auf ein Nahverkehrs-Angebot verständigt. Wer bis zum 18. Januar eine Monatskarte erwirbt, kann diese sechs Wochen lang nutzen. Dieses „Brückenticket“ kostet wie die reguläre Monatskarte 84,50 Euro und berechtigt dazu, alle Busse, Straßenbahnen und Züge der S- und Regionalbahnen innerhalb der RMV-Preisstufe 13 (Wiesbaden/Mainz) zu nutzen. Auf der Buslinie 6 werden je nach Bedarf kurzfristig zusätzliche Einsatzwagen bereitgestellt. Wer lieber das Leihfahrrad nutzt, kann beim Ausleihen den App-Code „BRUECKE2020“ eingeben und erhält ein Guthaben von 15 Euro geschenkt. Abgeradelt werden kann das Guthaben bis zum 8. Februar im gesamten Einsatzgebiet.

          Die Industrie- und Handelskammern und die Handwerkskammern Wiesbaden und Rheinhessen nehmen die Brückensperrung zum Anlass, für den Bau weiterer Rheinbrücken zu werben. Für die eng vernetzte Wirtschaft der beiden Landeshauptstädte seien schnelle Verbindungen über den Rhein „essentiell“. Zudem fordern die Kammern wegen der zu erwartenden Folge der wochenlangen Sperrung für Betriebe „unbürokratische und schnelle Ausnahmegenehmigungen“. Aus Sicht der Kammern stößt die Verkehrsinfrastruktur an ihre Grenzen. Dem gestiegenen Verkehrsaufkommen müsse endlich durch eine zeitgemäße Infrastruktur entsprochen werden. Mit Brücken aus den sechziger Jahren lasse sich das Verkehrsaufkommen nicht bewältigen. Daher sei eine weitere Rheinquerung sowohl zwischen den beiden Landeshauptstädten als auch zwischen Rüdesheim und Bingen „standort- und wirtschaftspolitisch absolut notwendig“.

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