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Mainz lehnt Filiale ab : Hohe Hürde für Decathlon

Das Geschäft läuft: Rollerskates in der ersten Hauptstadt-Filiale von Decathlon in Berlin-Mitte Bild: dpa

Der französische Sportartikelhändler möchte am Stadtrand seit Jahren eine Filiale eröffnen. Das passt den Mainzern nicht ins Konzept.

          Das Mainzer Zentrenkonzept, das 2005 beschlossen worden ist, um die Händler in der Innenstadt vor einer „übermächtigen Konkurrenz auf der grünen Wiese“ zu schützen, hat nicht verhindern können, dass in den vergangenen zehn Jahren etliche Traditionsbetriebe aus der City verschwunden sind: ob das Zoo- und Gartenfachgeschäft Samen-Kämpf, der Fastnachtsladen Jacques Hermann oder, wie zuletzt geschehen, das am Ende insolvente Fotounternehmen Besier und Oehling. Darüber hinaus haben gleich drei etablierte Sportgeschäfte - nämlich jene von Michael Kapp, Dimo Wache und der Familie Beyer - aus unterschiedlichen Gründen dichtgemacht, ohne dass es dafür adäquaten Ersatz gegeben hätte. Umso mehr verwundert es, dass der expandierende französische Sportartikelhersteller Decathlon, der in seinen bundesweit 33 Filialen nach Angaben des Unternehmens rund 90 Prozent Eigenmarken anbietet und dabei rund 70 Sportarten abdeckt, schon seit Jahren vergeblich an die Pforte von Mainz klopft.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Die Flächen, die der Firma in der Innenstadt offeriert wurden - das alte Postlager am Hauptbahnhof etwa - hat der Hersteller und Händler von Sportgeräten und -bekleidung als ungeeignet abgelehnt. Und dort, wo man sich gerne niederlassen würde, auf einem Grundstück im Wirtschaftspark bei Hechtsheim, das zum Areal von Möbel Martin gehört, wären die durch das Zentrenkonzept vorgegebenen Sortimentsbeschränkungen offenbar so groß, dass sich die Stadt bis dato nicht mit dem potentiellen Investor einigen konnte. „Wir würden uns sehr freuen, wenn es zu dieser Ansiedlung käme“, sagte der Wirtschafts- und Liegenschaftsdezernent, Christopher Sitte (FDP), dieser Zeitung. Das Zentrenkonzept erlaube einem am Stadtrand ansässigen Händler aber nur auf fünf bis maximal zehn Prozent seiner Verkaufsfläche Waren anzubieten, die es so oder ähnlich auch in Innenstadtläden gebe. Decathlon könnte die so klassifizierten Waren also lediglich auf bis zu 450 Quadratmetern plazieren und präsentieren.

          Auch andere Unternehmen mussten lange kämpfen

          Man sei in den Verhandlungen mit der Verwaltung „bis an die Schmerzgrenze“ gegangen, sagte am Montag Ludger Niemann, der in der Decathlon Sportartikel GmbH für die Unternehmensentwicklung zuständige Sprecher. Die wenigen in der Stadt noch vorhandenen Sportgeschäfte könnten Untersuchungen zufolge nicht einmal Zweidrittel des Bedarfs befriedigen; alle anderen potentiellen Kunden dürften ihre Laufschuhe, Schlafsäcke und Trainingsgeräte deshalb wohl außerhalb von Mainz erwerben. Und wenn man die Sogkraft des Oberzentrums hinzurechne, müssten die Innenstadt-Geschäfte den Markt ja nicht nur zu 100 Prozent abdecken, sondern inklusive zusätzlicher Käufer gar einen Wert von bis zu 150 Prozent erreichen. Ohnehin ist man bei Decathlon überzeugt, dass aus den Filialen in Bad Kreuznach und Wallau sowie im wachsenden Internetgeschäft heute schon mehr Sportartikel nach Mainz verkauft werden, als dies andere Anbieter leisteten, wie Niemann sagte.

          Und das, obwohl es in der Stadt, mit der man seit fünf Jahren verhandele, noch immer keine eigene Decathlon-Filiale gebe. Aktuell werde zudem mit den Nachbarn in Wiesbaden über einen vergleichsweise kleineren Store gesprochen; Rüsselsheim sei als Standort ebenfalls interessant. Irgendwann könne sich eine Investition von mehreren Millionen Euro in Mainz womöglich gar nicht mehr lohnen, äußerte Niemann, der genauso wie der Grundstückseigentümer, die Firma Möbel Martin, noch immer darauf hofft, dass sich der Fachmarkt im Wirtschaftspark realisieren lässt.

          Das aus dem Saarland stammende Familienunternehmen Martin musste selbst jahrelang gegen die Vorgaben des Zentrenkonzepts kämpfen, bis das Einrichtungshaus mit 45.000 Quadratmetern Verkaufsfläche im August 2012 eröffnet werden konnte. Von Anfang an war geplant, durch drei ergänzende Fachmärkte mehr Kundschaft in das an Werktagen ruhige Gewerbegebiet an der Rheinhessenstraße zu locken. Bis dato ist es aber nur gelungen, eine Tankstelle an der Barcelona-Allee zu eröffnen. Alle anderen Überlegungen, ob Gartenmarkt, Bodenausstatter oder Waschstraße, haben sich dem Vernehmen nach ebenso zerschlagen wie die Idee, dort einen Einkaufsmarkt anzusiedeln.

          In Mainz nur wenig Auswahl an Sportartikeln

          Wenngleich sich die Stadtspitze um Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) grundsätzlich für Decathlon ausspricht, ruhen die Verhandlungen. Sitte, der eine Fortschreibung des Zentrenkonzepts mit einigen Modifizierungen in Aussicht stellt, sieht zuallererst einmal den Interessenten in der Pflicht, entweder den Standort noch einmal zu überdenken oder aber sein Sortiment auf ein für Mainz verträgliches Maß zurechtzustutzen. Dabei steht es außer Frage, dass Stadt und Umland einen großen Anbieter von Freizeit- und Sportartikeln gut gebrauchen könnten.

          So müssen sich die Anhänger des Reitsports ebenso wie die Mitglieder von Fastnachtsgarden anderswo umschauen, wenn sie etwa nach passenden Hosen und Stiefeln suchen; auch bei Rucksäcken, Schlafsäcken und Zelten gibt es ähnlich wie bei Trend- und Randsportarten in Mainz bisher nur wenig Auswahl. Während sich die Ratsfraktionen erkennbar schwer damit tun, das von ihnen beschlossene Zentrenkonzept aufzugeben oder wenigstens erkennbar nachzubessern, sieht zumindest die Junge Union in dem einst mit besten Absichten aufgestellten Regulierungswerk mittlerweile eine oftmals kaum zu überwindende Hürde: zum Nachteil für die auf Steuereinnahmen angewiesene Stadt, den vor allem durch das Internet bedrohten Einzelhandel und die zu weiten Wegen gezwungenen Kunden.

          Um die Innenstadt aufzuwerten, ist laut Junge Union mehr Geld in die Infrastruktur, also zum Beispiel in das Parkplatzangebot, aber auch in eine Aufwertung von Freiflächen und die Geschäftsstraßen, zu stecken: Einkaufen in Mainz müsse „mindestens so viel attraktiver sein, wie es teurer ist“.

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