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Protest gegen Rechtsextreme : Kleiner Aufzug, große Aufregung

Aufstehen: 3000 Menschen demonstrierten gegen den kleinen Aufmarsch von Rechtsextremen in Mainz Bild: Maximilian von Lachner

Nur bis zum Stadtrand sind 60 Rechtsextreme gekommen, die in Mainz für ihre „Kulturkampf“-Ideen werben wollten. Schon in Mombach sahen sie sich einer Vielzahl von Gegendemonstranten gegenüber.

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          Aus dem geplanten Stadtrundgang ist nichts geworden. Stattdessen konnten sich die etwa 60 Anhänger der vor gut einem Jahr in Erfurt gegründeten Neue Stärke Partei (NSP) am Samstag nur eben kurz im Mainzer Stadtteil Mombach die Beine vertreten. Weit gekommen sind die mit der Bahn angereisten Sympathisanten der rechtsextremen Bewegung, die strategisch geschickt bereits an der Haltestelle Waggonfabrik ausgestiegen und nicht wie erwartet bis zum Hauptbahnhof weitergefahren waren, aber auch in dem nördlichen Vorort nicht.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Blockiert von Gegendemonstranten und aufgehalten von der Polizei, die zum „Kampfkultur“-Tag der NSP im Mainz insgesamt etwa 1100 Beamte auf die Straßen brachte, mussten die aus verschiedenen Teilen der Bundesrepublik angereisten „deutschrevolutionären Kräfte“ bereits nach 50 Metern einsehen, dass die von ihnen angekündigte Demonstration an diesem Tag und angesichts der auf sie wartenden Übermacht weder in der City noch in Mombach möglich sein würde.

          „Kein Nazi-Aufmarsch in Mainz!“

          Schließlich hatten sich mehr als 60 Initiativen, Vereine und Parteien – von Attac bis zu den Omas gegen rechts – unter dem Motto „Kein Nazi-Aufmarsch in Mainz! Wir stellen uns quer!“ zusammengeschlossen und mehr als 3000 Gegendemonstranten mobilisiert. Und wäre der seit Wochen bundesweit zusammengetrommelte „Schwarze Block“ nicht auf die Idee gekommen, auch noch die Bahngleise zu besetzen, hätten die unerwünschten Gäste wohl schon nach einer Stunde wieder in Richtung Saulheim abreisen können. So aber ging für sie der Zug zurück erst gegen 16.30 Uhr.

          Bis dahin gab es rund um Zwerchallee, Hattenbergstraße und Am Schützenweg, wo sich vor allem jüngere Vertreter von linken, autonomen und womöglich auch linksextremen Gruppen den rechten Demonstranten in den Weg stellen wollten, bis zum späten Nachmittag immer wieder Auseinandersetzungen: vorrangig mit den an der Kreuzung unter der Mombacher Hochstraße vorsorglich positionierten Polizeieinheiten. Mit Pfefferspray und Schlagstöcken sei von den Einsatzkräften auf Tritte, Schläge und Böllerbeschuss reagiert worden, teilte die Polizei am Abend in ihrem Bericht zum Großkampftag mit. Wegen Sachbeschädigungen, Beleidigungen und Volksverhetzung seien zudem mehrere Ermittlungsverfahren eingeleitet worden; dies offenbar vor allem gegen verärgerte Mitglieder der rechten Szene.

          Rund um den Hauptbahnhof, an dem über Stunden hinweg weder Busse noch Bahnen halten konnten, waren für Samstag alles in allem 15 Kundgebungen und Aufzüge angemeldet und genehmigt worden. Weil die NSP-Aktivisten aber gar nicht erst bis zum Zentrum durchkamen, blieb es dort anders als in Mombach ganztägig friedlich und entspannt.

          Ausschreitungen: Antifa-Mitglieder lieferten sich Rangeleien mit der Polizei
          Ausschreitungen: Antifa-Mitglieder lieferten sich Rangeleien mit der Polizei : Bild: Maximilian von Lachner

          Auf der Hauptbühne an der Schottstraße erinnerte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) daran, dass Hitlers Nationalsozialisten in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch als kleine Gruppe angefangen hätten. Doch jeder wisse, wohin zu welcher Barbarei das am Ende geführt habe.

          Er jedenfalls sei froh, dass die Bürger im weltoffenen und vielfältigen Mainz wieder einmal klar Flagge gegen rechts zeigten. Und den nicht erwünschten Gästen, die bekanntlich offen Naziparolen aussprächen, empfahl der Rathauschef „ihren braunen Rucksack“ wieder einzupacken und möglichst schnell die Heimreise anzutreten. Zu den größten Gruppen unter den bürgerlichen Gegendemonstranten gehörten SPD und Grüne, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Kirchen. „Rassismus ist Sünde“, sagte Dekan Andreas Klodt von der evangelischen Kirche, der dem neuformierten rechtsextremen Sammelbecken immer noch „das alte braune Gesülze“ bescheinigte.

          Gereizt: Sanitäter mussten Verletzte nach einer Reizgasattacke versorgen
          Gereizt: Sanitäter mussten Verletzte nach einer Reizgasattacke versorgen : Bild: Maximilian von Lachner

          Dass der stellvertretende Bundesvorsitzende der in Thüringen aufgebauten Bewegung im rheinhessischen Wöllstein wohnt, könnte ein Grund dafür gewesen sein, dass Mainz nach Gera als zweiter Demonstrationsort der NSP-Anhänger ausgewählt wurde; am 3. September und am 10. Dezember sollen im Zuge der „Kulturkampf“-Tour 2022 weitere Aufzüge folgen: in Magdeburg und Düsseldorf. In Mainz waren die Botschaften, die an die Rechten gesendet wurden, unzweideutig: „Nazis nerven mehr als Wespen“ und „Menschenrechte statt rechte Menschen“ war auf Plakaten zu lesen; aber auch „Wir sind die Guten, ihr seid die Blöden“ und ein schlichtes „Gegen das Motzen“.

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