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Lokal muss nicht schließen : Feuchter Protest zeigt Wirkung

  • -Aktualisiert am

Umgestimmt: Burkhard Geibel-Emden will mit der Traditionskneipe doch weitermachen. Bild: Marcus Kaufhold

Die Mainzer Traditionskneipe „Zur Andau“ stößt mit ihrer angekündigten Schließung auf unerwartete Resonanz – und macht weiter.

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          Dieser Post auf Facebook schlug ein wie eine Bombe: Die Nachricht, die Mainzer Traditionskneipe „Zur Andau“ werde „wegen der zahlreichen Corona-Maßregeln schließen müssen“, zog nicht nur Dutzende entsetzter Kommentare im Netz nach sich, sondern auch mehrere hundert Menschen vor das 175 Jahre alte Wirtshaus am Fuße der Gaustraße. Beim von den Besitzern angekündigten Getränkeabverkauf wollten sie nicht nur „ein letztes Glas im Stehen“ zu sich nehmen und womöglich ein Souvenir erwerben, sondern vor allem trauern. Und sie wollten den Wirt umstimmen.

          Burkhard Geibel-Emden wurde von dem Rummel überrascht. „Ich war am Arbeiten, als plötzlich Michael Ebling und Günter Jertz vor mir standen und wissen wollten, was um Himmels willen los sei“, erzählt er. Der SPD-Oberbürgermeister und der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer befanden sich auf einem Rundgang durch die Altstadt, um sich mit Gastronomen über die gerade in Kraft getretenen Lockerungen zu unterhalten, als sie vom bevorstehenden „Andau-Aus“ erfahren haben. Dass sich die Nachricht so schnell verbreiten würde, damit hatte Wirt Geibel-Emden nicht gerechnet. Er hatte zwar nach einigen schlaflosen Nächten morgens um drei Uhr mit Ehefrau Janine den Entschluss gefasst, die noch im Keller befindlichen Getränke per Straßenverkauf unters Volk zu bringen und den Zapfhahn für immer zu schließen. „Aber ich wusste nicht, dass sie es in Facebook eingestellt hat.“

          Kein Marketingscherz

          Den Verdacht, es habe sich um einen Marketingscherz gehandelt, weist Geibel-Emden zurück. „Mit einer Geschäftsaufgabe und der Entlassung von Angestellten scherzen wir nicht“, betont der Neunundsechzigjährige, der die Kneipe vor fast 40 Jahren übernommen hat. Die Geschäftsführung hat er inzwischen an seine Frau abgegeben. Er selbst fungiert offiziell nur noch als Gesellschafter. „Aber ich bin trotzdem noch der Dicke in der Mitte“, sagt er und lacht.

          Und das wird er wohl auch bleiben. Zwar erweckte die Versammlung, in der von Abstandsregel keine Rede sein konnte, den Unmut des Ordnungsamts. Doch der spontane Protest führte auch zu einer Neubewertung der Schutzvorrichtungen in den Gasträumen. Ursprünglich wollte die Behörde die von Geibel-Emden angefertigten Trennscheiben in Schank- und Raucherraum sowie auf der geschlossenen Terrasse nicht akzeptieren. Nach den Ergebnissen der Nachverhandlungen finden im Optimalfall, wenn die Tische mit den erlaubten vier Personen aus zwei Haushalten besetzt sind, im großen Raum 20 Gäste Platz. Im Nebenzimmer sind es jetzt 12 statt 30, auf der Terrasse weitere 20 statt 50. Immerhin: Die „Andau“ darf ihre Außengastronomie um ein paar Biertische auf den angrenzenden Parkplatz erweitern. „Wir müssen zwar immer noch strampeln, aber so lässt sich wenigstens ein Teil des Ausfalls kompensieren“, sagt Geibel-Emden, zufrieden über die Lösung. „Bei den paar Leuten, die wir unter den Umständen hätten bewirten können, wäre nicht mal mehr der Lohn für unsere Mitarbeiter reingekommen.“

          Hart blieb das Ordnungsamt aber in einem Punkt. An der Theke und am Fass dürfen auch weiterhin keine Kneipenbesucher bedient werden. „Normalerweise haben wir allein hier 20 Barhocker.“ An diesem Verbot ändert auch der akribisch angebrachte Spuckschutz nichts, der sich kaum von den Trennscheiben in Bäckereien oder an Supermarktkassen unterscheidet. Barhocker gelten in den Corona-Bestimmungen nun mal nicht als Sitzplätze.

          Auch Skat- und Doppelkopfrunden müssen sich noch etwas gedulden, bis sie wieder Karten spielen dürfen. Und auch die Schachspieler, zu denen sich einst der damalige Oberbürgermeister Jens Beutel an fast jedem Freitagnachmittag gesellte, müssen noch warten, bis sie wieder eine Partie austragen dürfen. Aber der „Dicke in der Mitte“ macht ihnen Hoffnung für die Zeit nach der Pandemie: „Solange wir wenigstens mit null aus einem Monat rausgehen, machen wir weiter. Erst wenn ich aus meinen Ersparnissen drauflegen muss, ist wirklich Schicht.“

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