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Karstadt-Filiale in Mainz : Erst Schnäppchenjäger, dann Abbruchbagger

Fünf vor zwölf: Bei ihrer Protestaktion bleiben die Karstadt-Beschäftigten weitgehend unter sich. Bild: Wonge Bergmann

Ende einer Epoche: Wenn Karstadt Ende Oktober in Mainz schließt, kann der lange diskutierte Umbau der „Lu“ beginnen. Die Beschäftigten der Mainzer Filiale fordern aber mehr Zeit, Geld und Unterstützung, um neue Stellen zu finden.

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          Eine Machtdemonstration von Gewerkschaften und Arbeitnehmern ist es nicht geworden, eher ein trotziges Abschiednehmen. Bei der öffentlichen Betriebsversammlung auf dem Bischofsplatz sind die 62 von der Kündigung betroffenen Beschäftigten von Galeria Karstadt Mainz am Montag weitgehend unter sich geblieben. Kaum ein Passant verirrte sich um „fünf vor zwölf“ – und die symbolträchtige Uhrzeit war nicht zufällig gewählt – in diesen Teil der Altstadt, der jetzt wohl früher als gedacht zu einer Großbaustelle werden wird. Weil das bald 60 Jahre alte und inzwischen wirklich marode Kaufhaus an der Fust- und Ludwigsstraße am 31. Oktober für immer seine Türen schließen soll.

          Markus Schug

          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Auch wenn die Belegschaft die Hoffnung auf eine „unerwartete Rettung“ noch nicht ganz aufgegeben hat, forderten die Betriebsratsvorsitzende Martina Lauenroth und Verdi-Gewerkschaftssekretärin Petra Kusenberg in ihren kurzen Ansprachen vor allem zweierlei: Mehr Zeit für die von Kündigung bedrohten Mitarbeiter; also eine längere Betreuung durch die zugesagte Transfergesellschaft, die es nicht nur sechs, sondern mindestens zwölf Monate geben sollte. Wofür das Unternehmen und die Bundespolitik mehr Geld zur Verfügung stellen müssten.

          Respekt und Wertschätzung gefordert

          Außerdem gehe es um Respekt und Wertschätzung gegenüber all jenen, die zum Teil fast ihr ganzes Arbeitsleben im Dienst der Kunden und im Auftrag der Geschäftsleitung am Mainzer Hertie- und später am Karstadt-Standort tätig gewesen seien. Beides erhoffe man sich nicht zuletzt von den in den nächsten Wochen wohl über das Kaufhaus herfallenden Schnäppchenjägern.

          „Kaum mehr als Mindestlohn“ sei im Handel ja keine Seltenheit, sagte Lauenroth, die selbst „seit 36 Jahren dabei ist“. Rasch eine neue feste Stelle zu finden werde für sie und ihre Kollegen bestimmt nicht leicht. Ärgerlich sei, so war es am Rande der Kundgebung immer wieder zu hören, dass die Mitarbeiter jahrelang Zugeständnisse in Form von Lohn- und Gehaltsverzicht gemacht und stets auf die Modernisierung gewartet hätten. Von der Einleitung des Schutzschirmverfahrens, also einer harten Unternehmenssanierung in Eigenregie, und dem damit verbundenen Aus für 62 Filialen sei man Mitte Juni dann überrascht worden.

          Oberbürgermeister sieht nicht Corona-Krise als Ursache

          Mit Galeria Kaufhof an der Schusterstraße verfügt die Einkaufsstadt Mainz auch künftig noch über ein gut sortiertes Warenhaus in der City. Außerdem bietet die Karstadt-Schließung die Chance, dass es mit der Umgestaltung des Areals an der kurz „Lu“ genannten Ludwigsstraße schneller als gedacht vorangeht. Die Pläne dafür liegen vor, waren in den vergangenen Wochen im Deutsche-Bank-Pavillon zu sehen und sollen vom Stadtrat möglichst rasch beschlossen werden.

          Für den Niedergang des Traditionsunternehmens Karstadt sind nach Ansicht des Oberbürgermeisters Michael Ebling (SPD) und der Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz (CDU) weniger die Corona-Krise als die „seit Jahren ungelösten Probleme des Konzerns“ ursächlich. Weshalb die Verantwortlichen dafür zu sorgen hätten, „dass jetzt kein Beschäftigter im Regen stehen bleibt“. Der rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Johannes Klomann, der am Montag auch in seiner Funktion als SPD-Vorsitzender zum Bischofsplatz gekommen war, sicherte den Beschäftigten die Unterstützung der Genossen und der Landesregierung zu. Die Pandemie habe sicher eine Rolle gespielt, sagte Klomann. Letztlich sei es den Managern aber in den vergangenen zehn Jahren nicht gelungen, „ihre Probleme zu lösen“.

          Neuer Eigentümer will kein reines Kaufhaus-Konzept mehr

          Für die Boulevard Lu GmbH, die als neuer Eigentümer schätzungsweise 100 Millionen Euro in die Umgestaltung des Komplexes stecken will, könnte das Filial-Aus durchaus beschleunigend wirken. Da die Signa-Gruppe das gleichfalls gut gelegene und stark frequentierte Kaufhof-Gebäude an der Schusterstraße selbst besitze, bei Karstadt dagegen Mieter sei, stand für Branchenkenner früh fest, welches der beiden Mainzer Kaufhäuser geschlossen werden dürfte. Gleichwohl gibt es laut dem in Ingelheim ansässigen Investor weiterhin Gespräche mit Karstadt und Signa. Das Unternehmen habe sich nach dem beabsichtigten Umbau sowieso deutlich verkleinern und mit neuem Handelskonzept antreten wollen. Womöglich werde eine andere Tochter der Holding, im Gespräch ist der Neuzugang „Sport-Scheck“, diese Lücke füllen können.

          So oder so verfolgt die Boulevard Lu GmbH mit ihrem neuen Handelsplatz in der Mainzer City kein reines Kaufhaus-Konzept mehr, sondern eine Mischung aus Kultur, Gastronomie, Hotel und Einkaufen. Die aktuelle Lage sei für den Investor „Chance und Risiko“ zugleich, hieß es, schon kurz nachdem der österreichische Unternehmer René Benko seine Schließungsliste, auf der auch die Mainzer Filiale stand, veröffentlicht hatte. Zwar werde man Mietausfälle haben, andererseits lasse sich das Umbauprojekt an der „Lu“ nun zügig angehen.

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