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Zitadelle in Mainz : Grünes Paradies im Dornröschenschlaf

  • -Aktualisiert am

Südwesttor der Zitadelle: Hier endet der Grabenweg. Bild: Michael Kretzer

Jahrzehntelang fast vergessen lagen die Grabenanlagen rund um die Mainzer Zitadelle. Jetzt werden sie wiederentdeckt und saniert. Zuvor war ein Streit zu schlichten.

          Ein eisernes, zweiflügeliges Tor und dahinter: ein Urwald. Zehn Meter hohe Ahornbäume, Eichen und Platanen säumen einen schmalen Weg. Zu beiden Seiten wuchern Efeu, Farn und Brennnesseln über jahrhundertealte Mauern. Ein bisschen erinnert alles an eine längst verlassene Aztekenstadt, die sich die Natur langsam zurückerobert hat. Dabei liegt dieser verwunschene Weg mitten in der Mainzer Innenstadt. Er ist Teil der Zitadelle und wurde einst angelegt, um die Festung zu verteidigen.

          „So wie jetzt sieht der Zitadellengraben erst seit 60 Jahren aus“, sagt Charlotte Pissors vom Verein „Initiative Mainzer Zitadelle“. Denn eigentlich standen innerhalb der Wallanlage wohl keine Bäume. Außerdem seien die rund acht Meter hohen Mauern links und rechts früher vermutlich noch wesentlich höher gewesen, berichtet die Historikerin. Aber in den vergangenen Jahrzehnten sei viel Schutt und Abfall in den Graben geworfen worden, so dass der Boden höher liege als beim Bau der Zitadelle im 17.Jahrhundert.

          Im Zweiten Weltkrieg Kommandozentrale der Franzosen

          Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten zunächst die Franzosen ihre Kommandozentrale in der Festung, im Jahr 1955 übergaben sie die Bastion an die Stadt Mainz. Danach geriet die rund zwei Kilometer lange Grabenanlage fast in Vergessenheit und war für die Öffentlichkeit gesperrt. So konnte sich die Natur ungestört in den Wallanlagen entwickeln. Mittlerweile gibt es dort 447Tier- und Pflanzenarten, 66 davon sind vom Aussterben bedroht.

          Die Bedeutung des Grabens als Biotop hat auch der Gesetzgeber erkannt: 1986 erklärte er einen rund acht Hektar großen Abschnitt zum Naturschutzgebiet. Außerdem gilt das Grabengelände als „grüne Lunge“ der Stadt: „Das Zitadellengrün filtert die Luft und kühlt und befeuchtet das trocken-heiße Stadtklima bis in die Siedlungsbereiche hinein“, sagt ein Sprecher des Mainzer Umweltamts.

          Einige Pflanzenarten schädigen die Mauer

          Der Naturschutz ist jedoch für Denkmalschützer ein Problem. Denn einige der Pflanzenarten, die sich in und um die teilweise rund 350 Jahre alten Mauern angesiedelt haben, schädigen den Stein und lassen ihn instabil werden. „Natur- und Denkmalschutz sind im deutschen Recht gleichwertig. Das hat hier für Streit gesorgt“, sagt Charlotte Pissors. „Die eine Seite möchte gerne Efeu und Feuersalamander in den Mauern schützen, und die andere denkt an die historischen Mauern und würde gerne alles rausreißen.“

          Im Februar konnten sich die Parteien nach einer mehrjährigen Auseinandersetzung einigen. Die Stadt beschloss, 128 der 2550 Bäume auf dem Gelände zu fällen, um die mittlerweile instabilen Mauern der Zitadelle sanieren zu können. Die Reparatur ist ein Großprojekt: Insgesamt soll sie mit rund 15 Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt und aus dem Landesetat finanziert werden und etwa zehn Jahre dauern. „Dieses Projekt muss dann natürlich am Laufen gehalten werden“, sagt Kay-Uwe Schreiber, der Erste Vorsitzende des Zitadellenvereins. Sonst könne das langwierige Bauvorhaben irgendwann zum Erliegen kommen.

          Teil der Anlagen bleibt gesperrt

          Ein Teil der Grabenanlagen wird auch nach dem Umbau für die Öffentlichkeit gesperrt bleiben und nur für Führungen zugänglich sein. Dort können Pflanzen und Tiere weiterhin ungestört leben. Parallel zur Sanierung der Mauern soll aber auch ein Rundweg für Besucher durch den Zitadellengraben entstehen. Dieser führt ein Stück weit durch den Graben hindurch und geht dann über eine historische Rampe, die noch freigelegt werden soll, zu den Mauern des Grabens hinauf.

          Wildwuchs: Von oben betrachtet, sind die Mauern des Zitadellengrabens nicht mehr zu erkennen.

          Ersatzweise konnten Besucher beim Zitadellenfest kürzlich die Grabenmauern mit Hilfe eines provisorischen Treppenturms überwinden. Oben angekommen, bietet sich ein guter Blick auf die Zitadelle. Auffällig an dieser Stelle sind massive Betonpfeiler im Graben, die scheinbar keine Funktion haben. „Die Betonpfeiler haben ein riesiges Fachwerkdach getragen, das über dem Graben hing“, berichtet Charlotte Pissors. Es stamme aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die französischen Besatzer in Mainz, die schon damals die Zitadelle nutzten, funktionierten das Gebäude zu einer Automobilhalle um.

          Biotop statt Bolzplatz

          Weiter führt der Weg auf den oberen Wallanlagen bis zum Ende der Kleinen Windmühlenstraße. Dort soll eine Treppe entstehen, um wieder hinunter zum Südwesttor der Zitadelle zu gelangen. Damit hätten auch die Anwohner der Oberstadt eine Abkürzung in die Altstadt gewonnen. Zurzeit liegt vor dem Südwesttor der Zitadelle ein Bolzplatz. An dessen südöstlichem Ende befindet sich eine Bodenklappe. Sie führt zum sogenannten Drususgang, der schon im 17.Jahrhundert entstand, aber auch im Zweiten Weltkrieg den Schülern der nahe gelegenen Eisgrubschule als Luftschutzkeller diente. Bis zu 1500 Schutzsuchende kamen darin unter. Besucher können ihn noch besichtigen.

          Den Bolzplatz wird es allerdings nicht mehr lange geben – vielleicht der einzige Wermutstropfen bei der Sanierung der Zitadelle: An seiner Stelle soll ein Biotop als Ausgleich für die gefällten Bäume an anderer Stelle entstehen. Schon am 25.September beginnen die Sanierungsarbeiten. Einen Teil des Walls können Interessierte aber noch bis Mitte Oktober jeden Sonntag während einer Führung des Zitadellenvereins besichtigen. Vereinschef Kay-Uwe Schreiber hofft, dass der Weg durch den Zitadellengraben schon im nächsten Jahr begehbar ist.

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