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Mainz : Gedächtnisverlust in der Gutenbergstadt

Auslese: Die Wissenschaftliche Stadtbibliothek in Mainz könnte dem Rotstift zum Opfer fallen. Bild: Cornelia Sick

Das Ampelbündnis denkt offenbar über die Schließung der Mainzer Stadtbibliothek nach. Aus dem Rathaus kommt kein Kommentar.

          3 Min.

          Das „Gedächtnis der Gutenbergstadt“ reicht bis ins Mittelalter zurück. Aktuell lagern rund 670000 Bände in der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek von Mainz, die auf Wunsch der französischen Regierung seit dem Jahr 1805 auch für die Bestände der 1477 gegründeten alten Universitätsbibliothek zuständig ist - inklusive all jener Schätze, die aus den aufgelösten Klöstern und dem Jesuitenkolleg gerettet worden waren. Ob die traditionsreiche Einrichtung allerdings noch eine Zukunft hat, ist derzeit ungewiss. Am Mittwoch jedenfalls gab es im Rathaus und im zuständigen Kulturdezernat zu den seit Tagen kursierenden Gerüchten, wonach die Stadtbibliothek zerschlagen und aufgelöst werden soll, offiziell „keinen Kommentar“.

          „Nachhaltige Einsparung“

          Markus Schug

          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Unstrittig ist, dass sich die zusammen mit dem Stadtarchiv im Haus Rheinallee 3B untergebrachte Bibliothek auf einer Streichliste befindet, über die von den drei im Ampelbündnis vereinten Fraktionen von SPD, Grünen und FDP im kleinen Kreis verhandelt wird. Bis Ende des Jahres muss die Koalition dem Land erklären, wie die Stadt Mainz fortan ihr Haushaltsdefizit um jährlich 12,7Millionen Euro verringern will; nur wenn dies gelingt, hat man die Chance vom rheinland-pfälzischen Entschuldungsfonds zu profitieren, mit dessen Hilfe sich in den nächsten Jahren die derzeit rund eine Milliarde Euro betragende Verschuldung der Kommune im Idealfall um mehr als 400 Millionen Euro reduzieren ließe.

          Ursprünglich war beabsichtigt, durch eine deutliche Anhebung der Grundsteuer B von 400 auf 480 Punkte jährlich rund sechs Millionen Euro mehr einzunehmen. Weil die FDP dies aber offenbar vehement ablehnt und allenfalls einer Erhöhung um 40Punkte zustimmen will, scheint das Ampelbündnis händeringend nach weiteren Einsparmöglichkeiten zu suchen, um die 12,7-Millionen-Euro-Vorgabe irgendwie erfüllen zu können.

          Gebäude könnte verkauft werden

          Bis zu 1,5 Millionen Euro, so ist inoffiziell zu hören, dürfte die Auflösung der Stadtbibliothek bringen - nicht als Einmaleffekt, sondern wie vom Land gefordert als „nachhaltige Einsparung“. Diese Zahl steht zwar im Raum, ist bis dato aber nicht näher aufgeschlüsselt worden. Und das Umwandlungskonzept, demzufolge das Stadtarchiv und die Öffentliche Bücherei „Anna Seghers“ mit ihren fünf Außenstellen weiterbestehen sollen, die Bibliothek jedoch bis schätzungsweise 2016 abgewickelt werden soll, wird gleichfalls noch als Geheimsache behandelt. Dementsprechend verunsichert sind die 37 Mitarbeiter der Bibliothek, die von der Stadt bisher ebenso wenig informiert wurden wie der Direktor des Hauses, Stephan Fliedner, und der Vorsitzende der Mainzer Bibliotheksgesellschaft, Thomas Busch.

          Dem Vernehmen nach ist daran gedacht, einen Teil der Bestände an das Archiv abzugeben, das im Gegensatz zur Bibliothek, die im Etat der Stadt als „freiwillige Leistung“ ausgewiesen ist, im Haushalt als Pflichtaufgabe geführt wird. Andere Bücher und Exponate wären womöglich in der Universitätsbibliothek auf dem Campus unterzubringen, an die Öffentliche Bücherei am Bonifatiusplatz abzugeben oder dem Gutenberg-Museum anzuvertrauen. Dabei geht es neben den Altbeständen und reichlich Regionalliteratur zu Mainz und Rheinhessen unter anderem um Sondersammlungen und historisches Notenmaterial, wofür sich etwa Studenten und Wissenschaftler interessieren. In einigen Jahren könnte das Gebäude an der Rheinallee dann womöglich verkauft werden: sobald die Stadtbibliothek aufgelöst und das Archiv anderswo in der Stadt untergebracht wäre, wofür dem Vernehmen nach ohnehin freiwerdende Stadtteil-Schulen im Gespräch sind.

          CDU: Keine Schnellschüsse

          Noch vor wenigen Jahren sah die Zukunft von Archiv, Bücherei und Bibliothek im Vergleich zur aktuellen Lage rosig aus. In einem „Kulturspange“ genannten Gebäudeensemble vereint sollten alle drei Einrichtungen gemeinsam dafür sorgen, möglichst viel Laufkundschaft in das neue Wohn- und Kulturviertel am Zollhafen zu locken. Umzug und Neubau hätte allerdings die Stadt stemmen müssen, was sich angesichts der hohen Verschuldung der Kommune offensichtlich erübrigt hat.

          Von den Rathausfraktionen hat sich gestern lediglich die CDU zur Sache geäußert, die allerdings selbst nicht eben viel darüber zu wissen scheint: „Die Zukunft der Stadtbibliothek ist zu wichtig, als dass sie in den Hinterzimmern der Ampelkoalition diskutiert wird“, beschwerte sich der kulturpolitische Sprecher der Union, Walter Konrad. „Wenn es tatsächlich Pläne gibt, die Bestände aufzuteilen und das Gebäude zu verkaufen, dann müssen darüber unbedingt die zuständigen städtischen Gremien informiert werden.“ Mainz sei als Heimat von Johannes Gutenberg die Stadt des Buches. Deshalb dürfe es in der Frage der Zukunft der Stadtbibliothek zu keinem Schnellschuss im Hinblick auf das Sparpaket der Ampelkoalition kommen, so Konrad: „Vielmehr müssen die Entscheidungen sinnvoll und gut durchdacht sein.“

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