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Bibelturm Mainz : „Kein Geld für provisorisches Gefrickel“

  • -Aktualisiert am

Streitfall: der Bibelturm (Bildmitte) vor dem Gutenbergmuseum in Mainz Bild: Simulation dfz Architekten

Wie leidenschaftlich in Mainz über den Bau des Bibelturms diskutiert wird, hat der Samstag gezeigt. Beim Tag der offenen Tür des Gutenberg-Museums und dem Marktfrühstück prallen die Meinungen aufeinander.

          Ganz gleich, ob man den Schritt der Stadt Mainz, den Bau des geplanten Bibelturms vom Ausgang eines Bürgerentscheids abhängig zu machen, als Ausdruck demokratischer Teilhabe preist oder als „völlig punktuellen Federstrich einer populistisch befeuerten Abstimmung“ geißelt, wie der Kunsthistoriker Gregor Wedekind: Die Auseinandersetzung über das mögliche neue Wahrzeichen des Gutenberg-Museums hat eine öffentliche Diskussion bewirkt, wie sie nur selten zu erleben ist. Besonders intensiv geführt wurde sie am Samstag dank der Parallelität zweier Ereignisse: des Tags der offenen Tür im Museum und der Saisoneröffnung des Marktfrühstücks, dessen Besucher gemeinhin als Gegner des Bibelturms gelten, weil sie den Verlust von 150 Quadratmetern ihres in den vergangenen Jahren eroberten Konsum- und Wohlfühlraums befürchten.

          Im Museum bemühen sich Direktorin Annette Ludwig und ihre Mitstreiter darum, Gegner und Skeptiker von der Notwendigkeit des Projekts zu überzeugen. Deren Kritik entzündet sich unter anderem daran, dass der Turm die für eine Sanierung des Museums zur Verfügung stehenden fünf Millionen Euro verschlänge, für den überholungsbedürftigen alten Schellbau aber kein Geld mehr bliebe. Das stimme zwar, gibt Ludwig zu. Allerdings ermöglichten fünf Millionen Euro im bisherigen Museumsgebäude kaum mehr als eine brandschutztechnische Sanierung, mehr Fläche könne kaum gewonnen werden. „Und dafür müssten wir das Museum mehrere Jahre schließen.“

          Finanzierung noch nicht gesichert

          Der Turm als erster Bauabschnitt mit dem unterirdischen Verbindungsgang zum Schellbau hingegen ermöglichte es, die wichtigsten Exponate, allen voran die beiden Gutenberg-Bibeln, ununterbrochen zu zeigen. Dass die Finanzierung des zweiten Bauabschnittes, des kompletten Umbaus des alten Hauses, noch nicht gesichert ist, lassen die Turmbefürworter nicht als Gegenargument gelten. Zum einen erwarten sie positive Effekte in Form von Spenden und Zuschüssen. Zum anderen sei nur auf diesem Weg auch eine inhaltliche Neuausrichtung des Museums zu verwirklichen. Es gehe darum, „ein in einer baulichen Zwangsjacke steckendes, museologisch und konzeptionell in die Jahre gekommenes Haus zu entstauben und für die Zukunft fitzumachen“, sagt Wedekind. Man dürfe das Geld nicht „in einem letztlich provisorischen Gefrickel versenken“, sondern müsse es für eine in die Zukunft weisende Gesamtplanung einsetzen.

          Für den Kunsthistoriker, der angesichts der aus kupfernen Buchstaben bestehenden Fassadenhaut des geplanten Turms lieber vom Letterturm als vom Bibelturm spricht – schließlich handele es sich nicht um ein kirchliches Bauwerk, sondern um eines, das an Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern erinnern soll –, besitzt das Projekt auch einen ökonomischen Wert: als Standortfaktor, Touristenmagnet und damit als Einnahmequelle, die auch dem zweiten Bauabschnitt zugutekommen werde. Den Professor empört „der Entrüstungs-Tsunami der Blumen- und Baumfreunde sowie der Stiefmütterchenliebhaber“, die um den Erhalt der Rabatten fürchteten, als handele es sich bei den Pflanzungen um naturwüchsige Biotope. Für überflüssig erachtet Wedekind die den Liebfrauenplatz zierenden neun Gutenberg-Lettern, vor 21 Jahren ein Geschenk der Bildhauer- und Steinmetzinnung an die Stadt. „Bei diesen Letternblöcken fängt jenseits ihrer ästhetischen Beurteilung die Kritik schon mit der Frage an, was die Steinmetzinnung eigentlich mit der Buchdruckerei zu tun hat.“

          Erstaunlich viele Stimmen pro Bibelturm

          Eine befriedigende Antwort darauf werden auch die Besuchermassen des Marktfrühstücks nicht geben können, zumal die wenigsten zu wissen scheinen, was diese Quader darstellen. Allerdings schätzen sie deren praktischen Nutzen: Sehr bequem lassen sich auf den Steinen Kaffeebecher, Weingläser, Fleischwurst und Brötchen abstellen. Das ist schon deshalb wichtig, um bei lebhafteren Diskussionen über die Zukunft des Gutenberg- Museums die Hände freizuhaben. Erstaunlich viele Stimmen pro Bibelturm sind an diesem Samstag zu hören, was freilich daran liegen könnte, dass sich zahlreiche Mitglieder der Bürgerinitiative „Mainz für Gutenberg“ unters Volk gemischt haben.

          Die Gegenbewegung „BI Gutenberg-Museum“ erfreut sich derweil an ihrem Infostand auf dem Gutenbergplatz des regen Zulaufs. Die Aktivisten sind zuversichtlich, den Turmbau durch das Bürgerbegehren am 15. April zu verhindern. Museumsdirektorin Ludwig solle sich lieber schon mal einen Plan B überlegen, heißt es. Für diesen Mittwoch um 18.30 Uhr laden die Turmgegner zur Veranstaltung „Bürger fragen – Experten antworten“ ins Haus am Dom, Liebfrauenplatz 8 ein.

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