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Mainz 05 : Mainz und die „maximale Verunsicherung“

  • -Aktualisiert am

Kämpft sich durch: Marco Caligiuri von FSV Mainz 05. Bild: dpa

Vor dem wichtigen Heimspiel gegen den FC Augsburg ist der Druck auf die Profis des FSV gewaltig. Trainer Thomas Tuchel begrüßt die Realität.

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          Thomas Tuchel hat vor einigen Tagen einen schönen Satz gesagt. „Willkommen in der Wirklichkeit.“ Und die sieht ziemlich trist aus. Drei Bundesligaspiele ohne Sieg, ein Punkt, lediglich zwei Elfmetertore. Saisonübergreifend ist die Bilanz noch schlimmer. Sieben Bundesligapartien ohne Sieg und ohne Feldtore sind es mittlerweile, der letzte Erfolg datiert vom 10. April, es war ein 4:0 gegen den späteren Absteiger 1. FC Köln. Und während bei ähnlich schlecht gestarteten Teams wie 1899 Hoffenheim und dem Hamburger SV längst das Wort Krise in allen möglichen Variationen gereicht wird, spricht Tuchel von „maximaler Verunsicherung“. Interpretiert man ihn richtig, ist seine Mannschaft derzeit in einer Phase der Selbstfindung. Etwa nach dem Motto: Was wollen wir? Was können wir? Was fehlt uns? Doch Antworten auf diese Fragen sind schwer zu bekommen.

          Auch von den Mainzer Profis, die am Donnerstagnachmittag nicht unbedingt gesprächig waren. Torwart Christian Wetklo befindet sich seit geraumer Zeit in seiner ganz persönlichen Selbstfindung und gibt keine Interviews mehr; Mittelstürmer Adam Szalai verweigerte ebenfalls die Aussage und schob noch den Nachsatz hinterher, dass er selbst bei drei Toren gegen den FC Augsburg am Samstag (15.30 Uhr) nur unwesentlich redseliger sein werde. Immerhin: Innenverteidiger Jan Kirchhoff und sein Defensivkollege Marco Caligiuri haben gesprochen. „Wenn ich die Gründe wüsste, wäre ich Bundesligatrainer und würde sie in der Kabine der Mannschaft sagen“, meinte Kirchhoff. Und zurückblicken wolle er ohnehin nicht. „Wir versuchen gerade eine Stimmung aufzubauen für das Spiel gegen Augsburg und beschäftigen uns nicht mit Dingen, die schon passiert sind.“

          „Dadurch tun wir uns im realen Leben schwer“

          Genau darin sieht Tuchel einen Kern des Problems. Erwartung und Anspruch sind mit der Realität nicht deckungsgleich. Als Außenseiter waren seinem Team in den Spielzeiten 2009/2010 (neunter Platz) und 2010/2011 (Rang fünf) überraschende Erfolge gelungen; in der vergangenen Saison blieb es bei Abstiegskampf, der auf Platz 13 endete. „Dieses Bild ist nicht das, was die Mannschaft erlebt. Dadurch tun wir uns im realen Leben schwer.“ Die Mainzer Profis können nach allgemeiner Einschätzung wohl mehr, als sie bislang gezeigt haben, füllen ihre Rolle als etablierte Mannschaft aber nicht aus. „Unsere Grundordnung ist dabei völlig unerheblich“, sagt Tuchel.

          Der Druck ist also gewaltig im Heimspiel gegen den FC Augsburg. Ohne einen sogenannten Dreier, das wissen alle Beteiligten, wird eine Krisendiskussion kaum mehr zu stoppen sein. Ähnlich wie bei der Negativserie in der zurückliegenden Saison mit neun sieglosen Spielen in Folge. „Augsburg ist unser Kaliber, gegen die müssen wir uns messen“, sagt Kirchhoff. Augsburg, der vorjährige Aufsteiger, in der aktuellen Saisonstatistik ebenfalls mit nur einem Punkt geführt. „Wenn Mainz 05 nach drei Spielen einen Punkt hat, ist das keine Krise“, sagt Caligiuri. Sich im mittleren Tabellendrittel festzusetzen sei das Ziel, und dies sei nur gemeinschaftlich als Team zu erreichen. „Aber das ist noch ein weiter Weg, ein langer Prozess.“ Den so dringend benötigten Heimsieg müsse man notfalls „erzwingen“.

          „Bei Bayern München hatten wir teilweise vielleicht sogar ein bisschen Angst“

          Auf eine Stürmerdiskussion lässt sich Caligiuri nicht ein. „Die Basis für unser Spiel ist nach wie vor die Defensive.“ Laufbereitschaft, Pressing, Gegenpressing - „wenn wir unsere Tugenden an den Tag legen, fühlen wir uns wohl“, sagt er. Tuchel hat mit einem hochemotionalen einstündigem Auftritt zu Wochenbeginn versucht, eine erfolgversprechende Wende einzuläuten. Involviert in seine Bestandsaufnahme wurden auch Zuschauer, Fans, das Umfeld in der Stadt Mainz. Seine Botschaft: Erwartungen zurücksetzen, die alten Erfolge ruhen lassen, der Mannschaft eine Chance geben, Selbstvertrauen aufzubauen. Genau daran fehlt es: am Glauben an die eigenen Stärken. „Bei Bayern München hatten wir teilweise vielleicht sogar ein bisschen Angst“, räumt Caligiuri ein. In der Anfangsphase, als es schnell 0:2 stand und ein Desaster drohte. Als Mutmacher diente eine respektable halbe Stunde in Halbzeit zwei.

          Angesichts der zuletzt fehlbaren Mainzer Angreifer trifft es sich gut, dass auch der neue Augsburger Mittelstürmer Aristide Bancé in einem Null-Tore-Saisonformtief steckt. „Wir wissen, dass wir ihn verteidigen können“, sagt Kirchhoff, der Bancé noch aus gemeinsamen Mainzer Zeiten kennt. Bancé hatte mit 14 Saisontoren im Frühling 2009 großen Anteil am Aufstieg der Rheinhessen. Jetzt kommt er zurück und sein ehemaliger Klub wünscht sich wohl auch, dass seine Zurückhaltung noch etwas anhält.

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