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Mainz 05 : Dank Tuchels Wunderkleber wieder „im Soll“

Durften nach kurzer Durststrecke in Wolfsburg wieder jubeln: Niko Bungert (links) und Adam Szalai (vorne) von Mainz 05 Bild: dapd

Dank der sechs Punkte aus der zurückliegenden Woche hat sich Mainz 05 in eine deutlich komfortablere Tabellensituation befördert. Der Verein ist wieder „im Soll“.

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          Klebstoff ist nützlich, wenn man einzelne Teile erstmals oder wieder zu einem Ganzen zusammenfügen will. Und Klebstoff ist ein Wort, das im Sprachgebrauch von Thomas Tuchel häufig vorkommt. Ganz im Gegensatz zum Wort Matchplan, das dem Trainer von Mainz 05 immer wieder als angebliche Lieblingsvokabel untergeschoben wird, während der 39 Jahre alte Fußballlehrer das Wort tatsächlich nur ganz zu Beginn seiner Tätigkeit als Profitrainer in Mainz vor vier Jahren ein paar wenige Male öffentlich benutzte. Mit dem Begriff bezeichnete Tuchel damals die taktischen und spielerischen Vorgaben, mit denen er sein Team in ein Spiel zu schicken pflegt. Klebstoff ist nun gewissermaßen der Begriff für das, was kein Matchplan der Welt allein schaffen kann: Beispielsweise Mannschaftsgeist und kollektive Selbstsicherheit zu erzeugen aus mehr als elf Einzelteilen eines Kaders. Klebstoff aber entsteht nach Überzeugung Tuchels nur, wenn eine Mannschaft besondere Dinge erlebt, die ein Team zusammenschweißen.

          In den vergangenen Wochen hatte Tuchel nun oftmals vergeblich nach genau diesen Erlebnissen und folglich auch nach dem Klebstoff gesucht. Es fehlte der Erfolg, der die in Einzelteile zerbrochene Struktur seines gegenüber dem Vorjahr nahezu unveränderten Teams wieder zu einem Ganzen zusammengeführt hätte. Am Sonntagabend tat Tuchel nun nach dem 2:0-Auswärtssieg beim VfL Wolfsburg nach Toren von Junior Diaz (27.) und Adam Szalai (37.) kund, dass die drei Spiele in der zu Ende gegangenen „Englischen Woche“ - vor dem Sieg in der Volkswagenstadt hatte Mainz 05 zuhause gegen Augsburg gewonnen und trotz guter Leistung „auf“ Schalke verloren - nun endlich Klebstoff erzeugt hätten.

          Die Einstellung der Anderen

          „Wir haben uns durchgebissen und unser letztes Hemd gegeben, wir haben viel Positives erlebt. Wir haben sechs Punkte in der ‚Englischen Woche’ geholt mit leidenschaftlichem Einsatz“, sagte Tuchel. „Das ist top. Genau das haben wir gebraucht, um in unsere Rolle zu finden.“ Genau am Verständnis für die eigene Rolle hatte es nach Ansicht des 39 Jahre alten Fußballlehrers vor den jüngsten Erfolgserlebnissen gehapert. Seiner Mannschaft hielt er deshalb kürzlich einen Vortrag, bei dem er die Selbstwahrnehmung seiner Spieler radikal verändern wollte. Tuchel hatte das Gefühl, dass sein Team sich vor allem aufgrund der Erwartungshaltung von Fans und Umfeld noch immer in der Rolle des beschwingten Überraschungsteams der Saison 2010/11 sehe, das sich für den Europapokal qualifiziert hatte. Deshalb sei es der Mannschaft so schwer gefallen, die richtige Einstellung beispielsweise für einen harten Abnutzungskampf wie im letztlich 0:1 verlorenen Duell mit Aufsteiger Greuther Fürth zu finden.

          „Wir sind in das Spiel gegangen mit der von außen an uns herangetragenen Überzeugung, dass gegen einen solchen Gegner ein Pflichtsieg eingefahren werden muss und deshalb waren wir verkrampft“, sagte Tuchel kürzlich, um die verzwickte Lage seines Teams zu beschreiben. „Dabei sind wir das kleine Mainz und Fürth ein Gegner auf Augenhöhe für uns und nichts anderes.“ Tuchels Brandrede, die er in einem kleinen Kreis von Journalisten in aller Offenheit wiederholte und bei der er phasenweise an den legendären Auftritt von Giovanni Trapattoni während seiner Zeit bei Bayern München erinnerte, scheint die erhoffte Wirkung erzielt zu haben. „Wir haben wieder Ordnung im Spiel“, sagt Spielmacher Andreas Ivanschitz, der in Wolfsburg mit zwei Vorlagen glänzte.

          Wieder „im Soll“

          Dank der sechs Punkte aus der zurückliegenden Woche hat sich Mainz 05 zudem in eine deutlich komfortablere Tabellensituation befördert. Mit sieben Punkten und Rang elf nach vier Auswärts- und nur zwei Heimspielen liegen die Rheinhessen nach Worten ihres Managers Christian Heidel wieder „im Soll“. Das freilich ist ein Begriff, den es in der ganz eigenen Sprache Tuchels nicht gibt.

          Für den Trainer und selbsternannten „Sportpsychologen für dieses Team“ sind Punkte eine „Verstärkung“ für die nächste Aufgabe. Die drei Punkte aus Wolfsburg sollen dann vermutlich den Klebstoff so stark machen, dass Mainz 05 im Heimspiel am kommenden Samstag als erstes Team den tapferen Bundesligaaufsteiger Fortuna Düsseldorf besiegen könnte.

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