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Main-Taunus-Zentrum : Da geht noch ein bisschen mehr

Noch nicht in Weihnachtsstimmung: Kunden im Main Taunus Zentrum in Sulzbach. Bild: Rüchel, Dieter

Kein Stau, keine Schlangen an der Kasse: Der erste Samstag im Advent im Main-Taunus-Zentrum ist entspannt.

          „Und hier noch ein bisschen Nervennahrung“, sagt die Verkäuferin an der Kasse der Buchhandlung Thalia, als sie ein Stückchen Schokolade in die Tüte steckt. Den Satz hat sie gut gelernt, doch dieser Befriedungsstrategie bedarf es gar nicht am Samstag im Main-Taunus-Zentrum. Wir sind am Nachmittag entspannt mit dem Auto von Frankfurt hergekommen, und wir werden am Abend wieder entspannt nach Hause fahren - ohne Stau, ohne Gedrängel, ohne den befürchteten Vorweihnachtsflash.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist der erste Samstag im Advent und der zweite seit der Eröffnung einer weiteren Einkaufsstraße mit offiziell 70 neuen Geschäften. Das Parkhaus ist gegen Vier, als der Radiosender das erste Dortmund-Tor im Spiel gegen Schalke meldet, zwar schon gut gefüllt mit Autos querbeet aus dem Rhein-Main-Gebiet und auch von weiter weg, wie die Kennzeichen verraten, doch im Zentrum verteilen sich die Menschen.

          Das feinere Vordertaunus-Publikum ist nicht da

          Erst vor zehn Tagen hat das „Em-Te-Zet“, wie die meisten sagen, neu eröffnet, und den größten Opening-Andrang hat das Einkaufszentrum wohl schon hinter sich. Der vergangene Samstag sei „stärker“ gewesen, erzählen Verkäufer. Schlangen an den Kassen gibt es diesmal selbst im Media-Markt nicht, und am Handgelenk baumeln eher kleine als große Tüten, wenn überhaupt.

          Das feinere Vordertaunus-Publikum, das mit seiner Kaufkraft regelmäßig an der Erfolgsgeschichte des ältesten Einkaufszentrums Deutschlands mitschreibt, fehlt ohnehin. Gerade so als hätten sich die Königsteiner und Kronberger abgesprochen, das Feld zunächst neugierigen Menschen aus anderen Landstrichen zu überlassen.

          Es fehlt die richtige Überraschung

          Auffällig ist, dass vor allem die Lokale und Fressbuden angesteuert werden und die Ladenlokale der billigen Ketten (New Yorker, Zara, H&M, Tchibo) voller sind als die teureren Adressen (Appelrath Cüpper, P&C, Breuninger). Letztere sind allesamt Häuser, die Marken wie Mexx, Esprit, Marc O‘Polo anbieten, die in der neuen Ladenschleife mit sogenannten Monostores schicker und mit einem größeren Sortiment auftrumpfen.

          Die richtige Überraschung fehlt allerdings auch hier. Apple und Hollister, die beiden neuen Zugpferde aus Amerika, sind alte Bekannte aus Frankfurt, mit jeweils identischer Ladenarchitektur. Anders als zur Eröffnung der hippen Kette Hollister in „My Zeil“ tragen die Türsteher vor der dunklen Verkaufshöhle in Sulzbach Parka statt Strandbekleidung und auch keine Flipflops - das MTZ ist nicht überdacht. Vor dem Eingang in der Schlange aufstellen müssen sich die Kunden nur selten, obwohl Hollister erst am Tag zuvor eröffnet hat. Es sind viele „coole Kids“ darunter, wie man in diesem Fall wohl passend sagt, aber auch erwachsene Frauen mit kleinem Rucksack über der Daunenweste, die vor dem Eingang verschämt kichern, ganz so als beträten sie keinen Modeladen, sondern eine halb legale Peepshow.

          Rot und nicht blau

          Aus den gegenüberliegenden Geschäften, die weniger bekannte Namen wie Engbers, Campus oder Isico haben, schauen Verkäufer manchmal ungläubig herüber. Gegen ein Stückchen vom Hollister-Kundenkuchen hätten sie vermutlich nichts einzuwenden. Hollister, Apple, Bench in dieser Reihenfolge purzeln die Namen, wenn man junge Besucher fragt, warum sie hier sind.

          Bei Apple wuselt es nicht weniger als in der Filiale des IT-Spezialisten an der Fressgass‘ in Frankfurt. Im Sturmschritt eilen Väter mit ihren Söhnen und mitunter ganze Cliquen aufgeregter Jungs herbei, denen die Haare zu Berge stehen. Die T-Shirts der Verkäufer bei Apple sind, anders als üblich, an diesem Tag nicht blau, sondern rot - vermutlich ein Zugeständnis an Weihnachten.

          Zum Glück begegnet uns nur ein einziger Nikolaus

          Ansonsten fällt im MTZ angenehm auf, dass sich die Geschäftswelt mit Stimmungsmache noch zurückhält. Glühwein, Kekse und Reibeplätzchen gibt es an einer überschaubaren Anzahl von Buden. Weihnachtslieder werden in den Läden so gut wie nicht gespielt. Für das übliche Weihnachtsprogramm ist eine Bühne vor Karstadt reserviert. Hier laufen Lieder mit Roger Whittaker und Udo Jürgens vom Band, in denen viel von Schnee die Rede ist. Dabei blühen - das ist seltsam in diesem Jahr - zuhause auf dem Balkon noch die Geranien.

          Kinder können hier in einem Zelt mit MTZ-Mitarbeitern Plätzchen backen, Regelmäßig treten Chöre auf. In der Mitte steht ein großer, künstlicher Weihnachtsbaum, das wohl langweiligste aber beliebteste Handy-Fotomotiv im MTZ.

          Zum Glück begegnet uns nur ein einziger Nikolaus. Den hat Karstadt engagiert. Der Mann hat keinen einfachen Job. „Ho! Ho! Ho! Weißt Du denn ein Weihnachtslied?“ Der Junge, den seine Eltern Maxi nennen und der eine Hose mit Camouflage-Muster trägt, überlegt angestrengt. Ja, eines könne er, aber nur halb - und dann fällt es ihm doch nicht ein.

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