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Main-Taunus-Kreis : Orte, die keiner mehr kennt

Dieser Sarkophag zeugt von einstigen Existenz Oberweilbachs Bild: Sick, Cornelia

Seit dem Mittelalter verschwanden im Main-Taunus-Kreis zwölf Dörfer. Nur Flurnamen erinnern noch an sie.

          2 Min.

          Die Bauerlöcher Wiesen am nahen Waldrand zählen zu Hofheims schönsten Naherholungszielen, aber die wenigsten wissen, wo der seltsame Name herrührt. Im Idyll zwischen Kelkheim-Münster und dem Hof Hausen lag einst das Dorf Burlach in der Nähe eines Baches. Heute erinnert kein Stein mehr an die Ansiedelung, nur die Flurbezeichnung ist geblieben: "Bur" wie Bauer und "Lach" wie Loch oder sumpfige Wiesen. Verschwundene Orte, weiß Kelkheims Stadthistoriker Dietrich Kleipa, gibt es im Taunus zuhauf. Die Wissenschaftler sprechen von "Wüstungen". Etwa 23 Prozent einstiger Dörfer im Taunus sind nach Kleipas Erkenntnissen zwischen 1350 und 1500 von der Landkarte getilgt worden, im östlichen Westerwald verschwanden sogar 68 Prozent der Ortschaften.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Zwölf Dörfer, die es heute nicht mehr gibt, fand Kleipa im Main-Taunus-Kreis beim Studium alter Karten und Akten heraus, darunter Burlach (Hofheim), Oberweilbach und Hartbach (beide Diedenbergen) sowie Hedigkheim (Kriftel). Die Entsiedelung sei vor allem auf einen starken, durch Seuchen, Hungersnöte und verheerende Fehden verursachten Bevölkerungsrückgang zurückzuführen. Auch die Abwanderung der Bauern in nahegelegene Städte spielte bei der Aufgabe des eigenen Heims eine Rolle. Bis Mitte des 14. Jahrhunderts taucht Burlach immer wieder in alten Büchern über Grundstücksverkäufe oder Schenkungen auf. Die Gemarkung umfasste damals den nordöstlichen Teil Hofheims. Die in Burlach lebenden Bauern muss es allerdings nach den Reichskriegen 1364/1366 hinter die sicheren Hofheimer Mauern gezogen haben, das seit 1352 Stadtrechte besaß, vermutet Kleipa. Burlach wurde aufgegeben und dessen Felder weiter bebaut.

          Der Glöckner von Hartbach

          Gleich zwei Dörfer verschwanden rund um Diedenbergen: Oberweilbach und Hartbach. Dabei lebte noch 1282 ein Glöckner in Hartbach. In dem ausgegangen Ort müsse demnach eine Kirche oder Kapelle gestanden haben. Auch ein Dorfgericht tagte. Aber nur Mauerreste des ehemaligen Weilers seien in den heutigen Fluren Ohlegut (Altes Gut) oder Gärtnerwiesen gefunden worden, berichtet Kleipa. Auf einer Karte von Dilich um 1608 fand der Stadtarchivar Oberweilbach als Wüstung gekennzeichnet. Der älteste Nachweis für das Bestehen des Ortes steht in einer Urkunde von 1222: Erzbischof Siegfried II. von Mainz nimmt das Kloster Retters und dessen Besitzungen unter seinen Schutz und erwähnt Niederweilbach - somit muss es zu dieser Zeit schon eine Siedlung Oberweilbach gegeben haben, schlussfolgert Kleipa.

          Wo Oberweilbach lag, befinde sich heute die Pferdekoppel des nahegelegenen Aussiedlerhofs "Roßhof". Da sich aber die ursprüngliche Bodenbeschaffenheit verändert habe, als 1952 das zum Weilbach abfallende Gelände mit dem Aushub der heutigen Autobahn 66 aufgefüllt wurde, gebe es heute dort keine Siedlungsreste. Ein letztes Zeugnis erinnert heute noch an die 1222 erstmals erwähnten Ortschaft: 1829 wurde auf der Gemarkung Oberweilbachs ein Trapezsarg aus der Zeit von 950 bis 1250 gefunden. Der Sarkophag steht gleich links hinter dem Haupttor auf dem Friedhof in Diedenbergen.

          Ein Herr als Dorfbesitzer

          Nach dem Bonifatiusstein, der auf Hedekam oder Hedigkheim hinweist, muss man in den Wiesen unweit von Kriftels Kapellenstraße lange suchen. Das Dorf sei vermutlich im siebten Jahrhundert entstanden, darauf deute der Namensbestandteil "heim" hin, sagt Kleipa. Eigentümer des Dingshofes zu Hedigkheim sei 1459 der Herr von Eppstein-Königstein gewesen. Um 1578 trug der Hofmann die dortige Kapelle ab und errichtete aus den Steinen ein Wohngebäude.

          Mit dem Abbruch des Hofhauses verschwand um 1609 der letzte Rest der Siedlung. Der Name Hedigkheim blieb jedoch an den Hofgütern haften. Und immerhin: Von 1755 bis 1958 stand dort eine kleine Bonifatiuskapelle. Sie wurde erbaut an jenem Platz, wo schon die Hedigkheimer im Mittelalter in Erinnerung an den Leichenzug des heiligen Bonifatius ein Kirchlein gebaut hatten.

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