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Flüchtlinge in Rhein-Main : Bald schon 85 Lotsen für Flüchtlinge

Überwiegend positive Einstellung im Kreis

Nur in Maintal gab es Ärger um eine Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil Dörnigheim. Dort errichtet der Sportclub Budokan ein Gebäude, das später als Sportinternat des Hessischen Judoverbands genutzt werden soll. Zuvor wird die Stadt Maintal das Gebäude für mindestens fünf Jahre mieten, um dort knapp 60 Asylbewerber unterzubringen. Etliche Bewohner der Gegend, die laut Stadtverwaltung vor mehr als 20 Jahren mit Flüchtlingen aus dem früheren Jugoslawien schlechte Erfahrungen machten, liefen gegen das Vorhaben Sturm. Den Widerspruch gegen die Baugenehmigung lehnte das Gericht aber ab.

Die überwiegend positive Einstellung der Bürger im Main-Kinzig-Kreis ist vor allem mit Blick auf die enorme Belastung des Kreises und seiner Kommunen durch wachsende Flüchtlingszahlen bemerkenswert. Nahm der Main-Kinzig-Kreis im Jahr 2013 etwa 700 Asylsuchende auf, waren es im vergangenen Jahr schon rund 1100. Im Januar und Februar 2015 wurden 227 neue Asylsuchende gezählt.

Hanau errichtet Unterkunft in Gewerbegebiet

Mit mindestens 1800 weiteren Personen wird bis zum Jahresende gerechnet. Etwa je 15 Prozent der Flüchtlinge kommen aus den großen Krisenherden der Welt in Afghanistan, Syrien und Eritrea. Mit zehn Prozent folgt Somalia. Zu den weiteren Herkunftsländern zählen Serbien, Pakistan, Iran, Äthiopien und Albanien. Am 1.März dieses Jahres lebten 2302 Asylbewerber im Main-Kinzig-Kreis, dem größten hessischen Landkreis.

Eine Herausforderung ist vor allem die Bereitstellung von Unterkünften. Für die vom Kreis gewünschte dezentrale Unterbringung werden auf dem Wohnungsmarkt die passenden Angebote mittlerweile knapp. Entgegen kommt den Städten eine Änderung des Baurechts, dem zufolge auch Unterkünfte in Gewebegebieten geschaffen werden dürfen.

Diese Neuregelung macht sich auch die Stadt Hanau zunutze. Sie errichtet eine Sammelunterkunft in der Sportsfield Housing, einer früheren amerikanischen Wohnsiedlung, in der wegen der Nähe zur Firma Dunlop keine herkömmliche Wohnsiedlung erlaubt ist. Insgesamt gibt es im Kreisgebiet 18 Gemeinschaftsunterkünfte mit 600 Plätzen. Containeranlagen wurden bisher in Großkrotzenburg und Nidderau aufgestellt. Nach wie vor leben aber immer noch 72 Prozent der Flüchtlinge im Main-Kinzig-Kreis dezentral in Wohnungen.

Team vermittelt Praktika und Jobs

Um den Kommunen etwas Luft zu verschaffen, erweitert der Kreis seine Erstaufnahmestätte für zwei Millionen Euro um 61 auf 221 Plätze. Rund 562 Euro bekommt der Kreis pro Monat und Person für etwa 86 Prozent der von ihm betreuten Flüchtlinge. Die Kommunen erhalten die Kosten für die Mieten und Nebenkosten. Allerdings gibt es auch Asylbewerber, für die es nach dem Landesaufnahmegesetz kein Geld gibt. Für solche Menschen gab der Kreis nach eigenen Angaben in den vergangenen zehn Jahren mehr als 22 Millionen Euro aus. Im Jahr 2014 lagen die eigenen Ausgaben des Kreises für Flüchtlinge bei 3,7 Millionen Euro.

Wichtig ist Simmler die Feststellung, dass die meisten der Flüchtlinge unbedingt arbeiten wollen. Dafür seien der Abbau von Hürden übergeordneter Behörden sowie eine koordinierte Unterstützung notwendig. Trotz aller Schwierigkeiten gelinge es dem Kreis zusammen mit Ehrenamtlichen in den Kommunen und mit Unternehmen immer wieder, Asylbewerber in Praktika zu vermitteln. Seit kurzem gebe es zudem ein „Kompetenzteam“ aus Mitarbeitern der Kreisverwaltung, der IHK, der Kreishandwerkerschaft, dem Kommunalen Center für Arbeit des Kreises und der Agentur für Arbeit, die Möglichkeiten ausloten, Asylbewerber in Praktika und Arbeit zu vermitteln.

Die Aussicht auf eine berufliche Perspektive wäre auch für Daahir Abdullahi Osman ein riesiges Glück. Nach dem Kirchenasyl läuft für ihn jetzt in Hanau das gängige Asylverfahren, auf das er nach einem halben Jahr in Deutschland einen Anspruch hat. Als Somalier dürfte er ein Bleiberecht erhalten. Das ist sein größter Wunsch. Als zweitgrößten nennt er, eine Ausbildung machen zu dürfen, um später auf eigenen Beinen stehen zu können.

Im nächsten Teil unserer Serie „Flüchtlinge in Rhein-Main“: Der Quartiermeister von Frankfurt

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