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Fotoausstellung in Darmstadt : Mahnmal gegen Populismus

In Darmstadt ist zum Jubiläum der Stele für Ludewig I. eine Fotoausstellung zu sehen. In einem Buch wird dessen politische Bedeutung erläutert.

          2 Min.

          Napoleons Ehrensäule steht in Paris, die Alexandersäule in St. Petersburg und die Denkmäler für die römischen Kaiser Trajan und Mark Aurel natürlich mitten in Italien. Das auch Darmstadt ein vergleichbares Monument im Zentrum der Stadt besitzt, ist dieses Jahr besonders in Erinnerung gerufen worden, denn der „Lange Lui“, wie die 39 Meter hohe Sandstein-Stele für Ludewig I. im Volksmund genannt wird, steht seit 175 Jahren auf dem Luisenplatz. Zum Jubiläum für Darmstadts Wahrzeichen ist dieses Jahr das Buch „Der Lui“ erschienen. Der ehemalige Stadtschreiber Paul-Hermann Gruner und der ehemalige Stadtfotograf Albrecht Haag als Herausgeber haben zusammen mit fünf anderen Kulturschaffenden die Säule in Szene gesetzt, ästhetisch mit Fotostrecken und politisch mit Texten Gruners. In der Regionalgalerie Südhessen des Regierungspräsidiums, die sich im Kollegiengebäude am Luisenplatz befindet, sind Bilderreihen aus der Jubiläumspublikation noch bis zum 14. Februar ausgestellt.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Das Kollegiengebäude bot sich aus mehreren Gründen als Ausstellungsort an: Erstens stand es schon, als die Säule errichtet wurde. Zweitens wird es bis heute als Behördenzentrum genutzt, in dem Menschen auf Basis der Verfassung für das öffentliche Wohl arbeiten, was ganz dem Charakter des Ludwigsmonuments entspricht. Es wurde am 25. August 1844 demonstrativ als Verfassungsdenkmal feierlich vorgestellt. Landgraf Ludwig X. von Hessen, der unter Napoleon zum Großherzog Ludewig I. erhoben wurde, hatte sich zunächst als typischer Potentat seiner Zeit verstanden, später aber nach Unruhen ein Verfassungsedikt erlassen. 1820 kam es daher in Darmstadt zu einer Volksvertretung und zu elementaren Bürgerrechten wie der Gleichheit vor dem Gesetz.

          Hochaktuelle und hochpolitische Angelegenheit

          An dieser politischen Historie ist der ursprüngliche Impuls Gruners – der sonst als politischer Künstler gern und gekonnt das Wort ergreift – gescheitert, ein nur ästhetisches Jubiläumsbuch zu gestalten. Wie er zur Ausstellungseröffnung sagte, habe er von einem Moment auf den anderen begriffen, „dass der Lange Lui als Verfassungsdenkmal so politisch ist wie das Matterhorn spitz und die Nordsee salzig“. Aus der Idee einer Hommage wurde so ein politischer Bildband, an dem neben Haag Lukas Einsele, Werner Mansholt, Thomas Ott, Oliver Stienen und Rahel Welsen mitwirkten, die sich auf je eigene Weise mit dem Darmstädter Wahrzeichen auseinandersetzten.

          Sich mit dem Langen Lui näher zu beschäftigen ist tatsächlich eine hochaktuelle und hochpolitische Angelegenheit. Nicht nur, weil die Nationalsozialisten das Verfassungsmonument von 1933 bis 1944 zu einer Hitler-Säule machten. Wie Gruber ausführte, lässt sich die historische Stele mitten in der Stadt auch als Mahnmal verstehen gegen „Verfassungsgefährder“ der Gegenwart. Schließlich stehe sie für Gewaltenteilung und eine repräsentative Demokratie und damit gegen die „Aufweichung von Verantwortungsstrukturen“ durch Volksbegehren, Volksentscheide und Referenden. Das Modell Brexit sei ein trauriges Beispiel, wie die populäre bis populistische Forderung nach Basisdemokratie „komplett entgleisen“ könne. Weitere Parallelen zwischen der historischen Bedeutung des Darmstädter Monuments und der aktuellen Situation mag der Leser im Jubiläumsbuch „Der Lui. Zum 175. Geburtstag des Ludwigsmonuments in Darmstadt“ selbst nachlesen. Es ist im Darmstädter Justus von Liebig Verlag erschienen und für 24,80 Euro im Buchhandel erhältlich. Die Ausstellung im Kollegiengebäude hat außer an Feiertagen montags bis donnerstags von 8 bis 16.30 Uhr und freitags von 8 bis 15 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei.

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