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Gleichberechtigung : Männer ticken zunehmend wie Frauen

  • -Aktualisiert am

Darmstädter Erfolgsfrau: Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid. Aber auch IHK-Präsidentin Kristina Sinemus, HSE-Vorstand Marie-Luise Wolff-Hertwig und Bundestagsabgeordnete Brigitte Zypries sind hier zu nennen. Bild: Kretzer, Michael

Die Soziologin Jutta Allmendinger hat junge Frauen und Männer befragt. Ergebnis: Sie sind gleichermaßen für die Vereinbarkeit von Beruf und Karriere. Nur das „Nach-oben-Heiraten“ funktioniert dann nicht mehr.

          Die Berliner Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, hat in Darmstadt einen Vortrag zur Lage der Familie gehalten. Eigentlich war es eine Zusammenfassung ihrer Studie „Frauen auf dem Sprung“. Aber da Allmendinger in ihrer Langzeituntersuchung nicht nur 1000 junge Frauen, sondern auch ebenso viele Männer nach ihren Lebensperspektiven befragt hatte, waren die Resultate wie gemacht für den Internationalen Tag der Familie und das Jubiläum „Zehn Jahre Bündnis für Familien in Darmstadt“, die beide am Donnerstag begangen wurden.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Über „Frauen auf dem Sprung“ in Südhessen zu sprechen ist ein wenig wie Eulen nach Athen tragen. Die Großstadt hat in den vergangenen drei Jahren die Zahl ihrer hauptamtlichen Stadträtinnen nicht nur auf zwei verdoppelt. Die Geschlechterrelation der Darmstädter Landtagsabgeordneten liegt bei zwei zu eins zugunsten der Frauen, bei den Bundestagsabgeordneten herrscht inzwischen Gleichstand. Im Vorstand der HSE gibt es, erstmals in der Geschichte des städtischen Energieversorgers, eine Vorsitzende. Der Regierungspräsident, auch das ein Novum in der Behördenhistorie, ist seit einigen Wochen eine Präsidentin und heißt Brigitte Lindscheid. Und auch an der Spitzer der IHK steht seit wenigen Tagen mit Kristina Sinemus eine Frau – ebenfalls eine Premiere. Was die soziologische Basis dieser „Frauensprünge“ ist, hatte Allmendinger schon im vergangenen Jahr in der Schader-Stiftung erklären können, als sie erste Ergebnisse ihrer Studie vorstellte, darunter den Befund, dass 90 Prozent der von ihr befragten jungen Frauen auf eigenen Beinen stehen möchten.

          Polarisierung der Gesellschaft durch Bildung

          Die renommierte Wissenschaftlerin konnte nach Abschluss ihrer Untersuchung einige neue und unerwartete Erkenntnisse vortragen. Die Befragung der 2000Frauen und Männer über sieben Jahre hinweg hat zum Beispiel ergeben, dass für beide Geschlechter die Verbindung von Familie und Beruf einen hohen Stellenwert hat. Diese Einstellung hat sich über den Forschungszeitraum hinweg nicht abgeschwächt, sondern zugespitzt. Statt einer „Retraditionalisierung“ bei zunehmenden Alter hat Allmendinger festgestellt, dass die Frauen nicht nur Beruf und Familie verbinden möchten, sondern auch Karriere und Familie. „Frauen möchten von ihrer eigenen Arbeit leben können und berufliche Erfolge haben.“ Die Lebenseinstellung der befragten Männer hat sich, auch das ist bemerkenswert, in ähnliche Richtung gewandelt.

          Bei Allmendingers Versuch zu ermitteln, was als „attraktiv“ gilt, registrierte sie, wie mit zunehmendem Alter die gutverdienende und gebildete Frau an erste Stelle rückt. Ihre Zusammenfassung lautete daher: Bei der Frage nach Familie und Beruf gebe es eine Verstärkung des „Sowohl-als-auch“; die Lebensentwürfe näherten sich an („Männer ticken zunehmend wie Frauen“) und Stereotypen würden seltener. In der Generation der 17 bis 29 Jahre alten Männer und Frauen sei inzwischen der Bildungsstand eine zentrale „Unterscheidungslinie“. Das aber sei gesellschaftlich nicht ungefährlich: Wenn nur noch gut gebildete und verdienende Männer gut verdienende und gebildete Frauen suchten, komme es zu einer Polarisierung der Gesellschaft und einer Einschränkung der sozialen Mobilität. Die „Durchmischung durch Einheirat“ in eine höhere soziale Schicht werde blockiert.

          „Zeitflexibilisierung“ gefordert

          2013 hatte in der Schader-Stiftung der Laudator Günter Stock als Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften über Allmendinger gesagt, für diese hervorragende Soziologin gebe es weniger Erkenntnisprobleme als „Umsetzungsprobleme“. Das hat auch für die anschließende Diskussion über das „Wissen der Experten“ gegolten, an der Vertreterinnen von IHK, Technischer Universität, DGB, Frauenkompetenz-Zentrum und Stadträtin Barbara Akdeniz (Die Grünen) teilnahmen. Allmendingers Schlussfolgerungen – Reduktion, Flexibilisierung und Umverteilung der Lebensarbeitszeit für beide Geschlechter, bessere Bezahlung von Frauen, Möglichkeiten zu Aus- und Familienzeiten – hat niemand widersprochen.

          Akdeniz’ Bemerkung, „Zeitflexibilisierung“ sei schon vor zehn Jahren während der Gründung des Bündnisses für Familien eine wichtige Forderung gewesen, machte deutlich: Darmstadts Sozialdezernentin sieht die Frauen noch immer „auf dem Sprung“. Grundsätzlich geändert hat sich bislang wohl nur, dass junge Frauen in ihren Partnern eher einen Mitstreiter als einen Gegner haben. Damit die Situation sich weiter verbessert, empfahl Allmendinger: „Wenn Männer weiter 45 Stunden und mehr arbeiten müssen, kommen auch die Frauen beruflich nicht weiter.“

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