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Buchhandlung an Heiligabend : Männer auf der Suche

Auslese: Mitinhaberin Gabriele Wörner-Hardt in der Buchhandlung Dr. Vaternahm in Wiesbaden Bild: Kaufhold, Marcus

An Heiligabend erreicht das Weihnachtsgeschäft in der Wiesbadener Buchhandlung Vaternahm den Höhepunkt. Besonders kaufkräftige Herren wählen Geschenke aus.

          4 Min.

          „Jetzt fällt mir der Autor nicht ein.“ Macht nichts. Gabriele Wörner-Hardt, Mitinhaberin der Wiesbadener Buchhandlung Dr. Otto F. Vaternahm, kann sich trotzdem denken, welches Buch die attraktive Kundin für ihre Tochter möchte: Haruki Murakami über Männer, die keine Frau haben.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Nein, sie besitze keine hellseherischen Fähigkeiten, lacht die Buchhändlerin. Sie kenne nun einmal ihre Stammkunden und deren Interessen. Aber auch Besucher, die das Geschäft An den Quellen in der Innenstadt zum ersten Mal betreten, staunen gelegentlich über das breite literarische Wissen und die erdbebensichere Menschenkenntnis, die ihnen hier in einer seltenen Kombination begegnen.

          Vor der Verlagsarbeit BWL studiert

          Beim Kauf eines Buches gäben die Menschen vieles von sich preis, sagte Wörner-Hardt. Die Chance, auf diese Weise viele interessante und gebildete Persönlichkeiten kennenzulernen, habe sie als junge Frau bewogen, in der Bad Homburger Buchhandlung Schicks eine Lehre zu machen.

          Es folgte das Studium der Betriebswirtschaft. Viele Jahre arbeitete Wörner-Hardt in unterschiedlichen Verlagen, bevor sie sich in der Branche als Unternehmensberaterin etablierte - wie ihr Ehemann. Als er im Jahr 2007 den Auftrag bekam, „Vaternahm“ zu verkaufen, gab er seiner Gattin einen Tipp. Sie zögerte nicht lange.

          In ihrem damaligen Beruf habe sie allzu häufig mit Insolvenzen zu tun gehabt. Außerdem habe die Buchhandlung sie sehr an ihre einstige Lehrzeit in Bad Homburg erinnert. „Ich habe das Geschäft zu Nikolaus bekommen“, erzählt die Zweiundfünfzigjährige. Als Geschäftspartnerin gewann sie Jutta Leimbert.

          Der gebürtige Rheingauer Otto Vaternahm hatte den Betrieb 1935 gegründet. Als er 1949 schwer erkrankte, übernahm sein Sohn Claus, der eigentlich Musiker werden wollte, das Geschäft. Ein Jahr später wurde das heutige Ladenlokal bezogen. Dass es über eine Schaufensterfront verfügte, war für die Freunde der Literatur der pure Luxus, konnten sie sich doch jetzt im Vorbeigehen über alle Neuerscheinungen informieren. Claus Vaternahm organisierte die Wiesbadener „Büchertage“ und engagierte sich im Förderverein des Literaturhauses in der Villa Clementine. 1999 übergab er den traditionsreichen Betrieb an Christiane Stockhausen.

          Avantgarde wird vermisst

          Die beiden heutigen Inhaberinnen beschäftigen drei Angestellte. Dass sie alle weiblich seien, hänge mit dem niedrigen Gehalt zusammen, das in der Branche gezahlt werde, sagt Wörner-Hardt. „Die Männer gehen in die Verlage.“ Die finanzielle Seite des Geschäfts sieht sie nüchtern. In der Damenoberbekleidung liege die Handelsspanne bei etwa 300 Prozent, im Buchhandel bei 30 bis 35 vom Hundert. „Davon gehen noch alle Kosten ab.“ Wiesbaden hat trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen bei 275.000 Einwohnern immerhin noch neun von Inhabern geführte Buchläden. Ein gutes Dutzend gibt es in Frankfurt. Dabei leben dort rund 700.000 Menschen, darunter Tausende von Studenten und Lehrkräfte. Dass die Landeshauptstadt keine Universität hat, empfindet Wörner-Hardt denn auch als Manko. „Es fehlt die Avantgarde“, sagt sie. Der Landtag liegt zwar direkt hinter der nächsten Straßenecke. Das hat sich in ihrer Kundschaft aber noch nicht bemerkbar gemacht. Trotzdem freut Wörner-Hardt sich über eine „klassisch gebildete Kundschaft“, die an allen Spielarten der Kultur interessiert sei.

          Von einem gehobenen Niveau zeugt auch die Liste der Bücher, die sich in den zurückliegenden Wochen am besten verkauft haben. In „Herkunft“ erzählt Botho Strauß von seiner Kindheit in Naumburg und Bad Ems. Seinen Vater beschreibe er in einer Sprache, die „zum Niederknien schön“ sei, sagt die Expertin. Michael Köhlmeier widmet „Zwei Herren am Strand“ Winston Churchill und Charlie Chaplin - zwei Giganten der Weltgeschichte. Schließlich die „Pfaueninsel“. Der Autor Thomas Hettche lässt den Rückzugsort der Preußenkönige in der Havel bei Potsdam mit einer Liebesgeschichte so anrührend wieder auferstehen, dass Wörner-Hardt sie den Kunden, die dazu passen, sehr ans Herz legt.

          Comic-Romane in Alltagssprache angesagt

          Bei ihr zu Hause liegen gerade mehr als 50 Bücher, die gelesen werden müssen, weil die Verlage sie zum Frühjahrsgeschäft herausbringen wollen. Bei der Auswahl verlässt sie sich auf „Können und Erfahrung“. Auch das Feuilleton großer Zeitungen wird zu Rate gezogen. Außerdem kommen die Vertreter von 18 Verlagen persönlich ins Geschäft. Etwa eine Stunde dauert es jeweils, bis die Bestellungen stehen.

          Auf einer Verkaufsfläche von 80 Quadratmetern verfügt Vaternahm über rund 10.000 unterschiedliche Titel. Was fehlt, lässt sich rasch besorgen. Die Großhändler liefern über Nacht. Die Belletristik ist der Schwerpunkt der Buchhandlung. Kunst und Geschichte sind stark vertreten. Aber auch Kinderbücher sind im Angebot.

          Doch die Zeiten, in denen große Werke wie der „Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ Kinder und Eltern auf der ganzen Welt verzauberten, scheinen vorbei zu sein. Momentan sind dünne Comic-Romane in Alltagssprache angesagt. „Das Durchhaltevermögen, lange Text zu lesen, schwindet rasant“, konstatiert Wörner-Hardt. Dies gelte besonders für Kinder. Von sich aus fänden sie kaum den Weg in ihre Buchhandlung.

          „Wir hoffen auf ein schönes Plus“

          Dafür kämen Rentner manchmal zwei- bis dreimal in der Woche. Sie suchten das persönliche Gespräch über dies und das, verließen den Laden aber selten, ohne auch etwas gekauft zu haben. Im Durchschnitt seien sechzig Prozent aller verkauften Bücher Geschenke, sagt Wörner-Hardt. Doch in der Weihnachtszeit steige der Prozentsatz auf achtzig an.

          Und je näher der Heilige Abend rücke, um so höher sei der Anteil der männlichen Kunden. „Ich brauche noch ein Geschenk“, sagten sie dann schlicht. Darauf sei man natürlich eingestellt. Viele verließen sich voller Vertrauen auf die Empfehlungen. Anderen sei es anscheinend eher egal, was genau am Ende auf dem Gabentisch liege. Andere Kunden wiederum nehmen sich Wörner-Hardt zufolge viel Zeit. Ein Mann in den besten Jahren erscheint seit einigen Jahren am Heiligen Abend um 10 Uhr. Er sieht sich ungefähr zwei Stunden lang in den Regalen um, und verlässt das Geschäft schließlich mit einem hohen Stapel auf dem Arm.

          Weniger Mühe machen Gutscheine. „Weil sie häufig verschenkt werden, müssen wir auch nach den Feiertagen gut sortiert sein“, erklärt Wörner-Hardt. Aber auch wenn das Weihnachtsgeschäft am Heiligen Abend nicht endgültig endet, lässt sich dann schon eine erste Bilanz ziehen. Wörner-Hardt ist optimistisch. „Wir hoffen auf ein schönes Plus.“

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