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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Raus aus dem Schneckenhaus

  • -Aktualisiert am

Neuanfang in gewohnter Umgebung: Lara absolvierte ihr FSJ im im Mädchenbüro Milena, wo sie früher selbst oft war. Bild: Wolfgang Eilmes

Der erste Schritt in ein selbständiges Leben beginnt für Lara Latino mit einer kleinen Revolte. „Nein“ zu sagen hat sie im Mädchenbüro Milena gelernt.

          3 Min.

          Mit 18 Jahren lassen viele junge Menschen gern alles Gewohnte hinter sich, um mit dem Beginn des Erwachsenenlebens etwas Neues anzufangen. So auch Lara Latino. Und doch hat sie sich für den Neuanfang erst einmal eine gewohnte Umgebung ausgesucht. Sie absolviert derzeit ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Mädchenbüro Milena, das in diesem Jahr durch die Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“ unterstützt wird. Latino selbst hat das Angebot der Jugendeinrichtung über Jahre hinweg genutzt. Hier hat sie gelernt, selbstbewusster zu sein und das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Noch gut erinnert sie sich an die Anfangszeit bei Milena.

          Wenn sie früher von der Schule nach Hause gekommen sei, habe sie sich immer allein etwas zu essen machen müssen. Niemand habe auf sie gewartet, ihre Eltern seien arbeiten gewesen. Als sie in der Georg-Büchner-Schule von der Jugendeinrichtung Milena erfahren habe, sei sie einfach mal hingegangen, „um nachmittags nicht mehr so allein zu sein“. So sei sie aus ihrem Schneckenhaus herausgekommen.

          Sie nutzte das unentgeltliche Nachhilfeangebot, schaffte es von einer Fünf in Mathe auf eine glatte Zwei. Die Betreuerinnen taten einfach das, was sie zu Hause vermisste: Sie fragten nach ihren Bedürfnissen, ihrem Befinden und machten dem stillen Mädchen Mut. „Ich hatte große Probleme mit dem Selbstbewusstsein“, sagt sie heute. Ohne die Sozialpädagoginnen der Einrichtung „wäre ich nicht da, wo ich heute bin“. Zu dieser neuen Lara gehört auch, dass sie Gedichte schreibt und diese öffentlich bei einer Großveranstaltung zum Frauenwahlrecht vorträgt. „Das kann man nur, wenn man weiß, dass da Leute sind, die einen schätzen.“

          „Auch mal aufstehen und sagen, was einem nicht gefällt“

          Das Freiwillige Soziale Jahr benötigt sie in ihrem Lebenslauf, um ihr Fachabitur machen zu können. Denn die Oberstufe hat sie im Oktober nach der 12. Klasse abgebrochen – gegen den Willen der Eltern. „Ich habe erst im Mädchenbüro gelernt, frei für mich zu entscheiden“– und zu diesen Entscheidungen zu stehen.

          Ein Studium der Sozialpädagogik könne sie auch mit dem Fachabitur machen, warum also noch ein Jahr länger zur Schule gehen, fragt sie. Das klingt so bestimmt, dass man diese Logik gar nicht erst anzweifeln möchte. Der pädagogische Tenor bei Milena lautet, die Mädchen in ihren eigenen Wünschen zu unterstützen. Lara weiß genau, was sie will. Sie hat sich auch von Lehrern ihrer Schule beraten lassen.

          Als Teil des Teams im Mädchenbüro blickt sie jetzt hinter die Kulissen, sieht „wie anstrengend das ist, wie viel Organisation von Terminen, wie viel Verwaltung“. Sie bewundert es, dass die Betreuerinnen trotzdem immer für die Kinder, Jugendlichen und Frauen da sind. „Sie haben uns beigebracht, auch mal aufzustehen und zu sagen, was uns nicht gefällt.“

          Für Lara ist das Mädchenbüro zu einem zweiten Zuhause geworden. Das wohlige Gefühl von Zusammenhalt, gemeinsamem Essen, Lernen und Spielen will sie nicht missen. Die Mädchen machen gemeinsam Ausflüge und Reisen in den Sommerferien. Lara war so schon in Berlin und mit dem Flugzeug in Barcelona, nächstes Jahr geht es nach Amsterdam. Die Mädchen zahlen dafür nur einen sehr kleinen Betrag. Die Ausflüge werden nur durch Spenden ermöglicht.

          Ihre Entscheidung, die Oberstufe nach der 12. Klasse zu beenden, war für Lara eine kleine Revolte. „Einfach mal nicht auf die Eltern zu hören“ habe Überwindung gekostet. „Aber ich möchte einfach lieber praktisch arbeiten, nicht so theoretisch.“ Das klingt durchdacht. Das FSJ macht sie aber lieber im gewohnten Umfeld. „Ich möchte mir meinen Weg selbst aussuchen und dabei vielleicht auch Umwege gehen“, sagt sie bestimmt.

          Mädchenbüros auch in anderen Städten

          In den Augen anderer sei das vielleicht Zeitverschwendung, „aber ich brauche einfach noch ein wenig, um mich von meiner Schulzeit zu verabschieden“. Von ihren Mitschülerinnen, die nächstes Jahr Abitur machen, wüssten bisher die wenigsten, was danach komme. „Viele machen dann einfach ein Jahr Pause oder gehen den Weg, den die Eltern ihnen vorgeben. Ich habe schon sehr früh gelernt, für mich allein zu sorgen.“

          Über familiäre Probleme hat sie in der geschützten Gruppe immer ganz offen reden können. Auch als der Vater einer Freundin sie sexuell belästigte. „Ich möchte jungen Mädchen auch das Selbstbewusstsein mitgeben, aufzustehen und den Mund aufzumachen.“ Sie kann sich gut vorstellen, einmal mit Mädchen und Frauen zu arbeiten, die sexuelle Gewalt erlebt haben. „Sie sollen nicht leise sein, sondern laut und offen darüber reden.“

          Auch viele der Flüchtlinge, die zu Milena kämen, hätten solche Dinge erlebt. „Da draußen wartet diese brutale Welt, und ich will daran etwas verändern“, sagt Lara. „Ich habe das Gefühl, dass ich hier einfach richtig bin mit meinen Gedanken und Gefühlen.“ Der Traum der Gründerinnen von Milena sei es, dass die Mädchen einmal das weiterführten, was sie aufgebaut hätten. Lara kann sich gut vorstellen, die Idee des Mädchenbüros weiterzutragen. Vielleicht sogar in eine andere Stadt, in ein anderes Land. „Jeder braucht jemanden, der hinter einem steht, wenn man am schwächsten Punkt angelangt ist. Der einen dann auffängt und einem aufhilft.“

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für das Frankfurter Mädchenbüro Milena, das sich der Integration von Mädchen und Frauen mit und ohne Fluchthintergrund verschrieben hat, sowie für die in Bensheim ansässige Christoffel- Blindenmission, die Augenkliniken in Kenia unterstützt.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:

          - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11

          - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00

          Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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